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I

 

G

rün und lang und regungslos lag der Drache auf dem Felsen hingestreckt. Als wäre er eben erst aus den träge dahinfließenden Fluten gestiegen. Hätte ein phantasiebegabter Mensch aus großer Höhe auf das Waldstück über der Flußkehre hinabgeblickt, er hätte wohl kein passenderes Bild dafür finden können. Die waldige Böschung fiel zum Ufer hin steil ab. Die Bäume krallten sich am kargen Felsuntergrund fest. Dort, wo der Fluß in einem gewaltigen Schwung seine Richtung änderte, ragte die Felswand kühn über das Wasser und bildete eine Art Erker, der weniger dicht von Bäumen umgeben war, so daß eine beinahe kreisrunde Lichtung entstand. Hätte unser Betrachter seinen Beobachtungsort verlassen und dieses Waldstück etwas genauer inspiziert, es wäre ihm wohl bald aufgefallen, daß es nicht gänzlich unbelebt war. Ein seltsames Paar hätte seine Aufmerksamkeit erregt.

Gebückt, schwer atmend und mit schleppendem Schritt wankte eine etwas unförmige Gestalt durchs Unterholz. Langes, flachsblondes Haar und eine nachlässig unter den Arm geklemmte Leier machten sie als Minnesänger kenntlich. Daneben schritt ein stolzer, aufrechter Ritter. Ein schwarzes Lederwams spannte sich, durch Silberbeschläge zusammengehalten, über der mächtigen Heldenbrust. Mit der linken Hand stützte er von Zeit zu Zeit seinen schwankenden Begleiter, wenn dieser zurückzufallen drohte, die Rechte umschloß einen gewaltigen Speer, den er leichthändig bei jedem Ausschreiten federnd auf den Waldgrund stieß.

Ein gutes Stück weiter vorn, auf eben jener Lichtung, wartete eine buntgemischte Gruppe – die meisten waren Krieger, die sich auf ihre Waffen stützten – auf die beiden Letzten: darunter ein adrettes Burgfräulein, das seine weißgestärkte Haube abgenommen hatte und sich nun gelangweilt Luft damit zufächelte, und ein etwas untersetzter, langbärtiger Druide mit einer rostigen Sichel im Gurt; sie alle waren um eine Feuerstelle versammelt, an der ein stattlicher Burgherr kunstvolle Holzgebilde mit einer Zauberflüssigkeit übergoß und in Brand steckte.

«Scheiße, Mensch!» stieß der sanftäugige Minnesänger hervor und warf mit einer entnervten Kopfbewegung seine blonde Haarpracht ab. Die Leier ging mit einem häßlichen Mißklang zu Boden. Leidend ließ er sich neben das Burgfräulein fallen und rappelte sich ächzend wieder auf.

«Ich hab mir garantiert wieder was gebrochen!»

Der Recke, der ihn begleitet hatte, lächelte spöttisch in die Runde und schenkte dem hübschen Burgfräulein ein vielsagendes Augenzwinkern.

«Zeig mal her», lenkte er ein, «ich schau mir das mal an.»

«Ich denke, das war’s für heute», verkündete der Burgherr, «ein Kriegsverletzter auf unserer Seite ist für diesmal genug, nicht wahr, Henning?» Gutmütiges Lachen.

Der Druide trat einen Schritt vor, er hatte sich umständlich eine Lesebrille aufgesetzt und ein Notizbuch gezückt.

«Gut. Dann kommen wir zur Schlußbesprechung. Die Trolle haben einiges an Terrain wettgemacht und stehen kurz vor der Eroberung der Drachenburg. Aber unsere Chancen stehen nicht schlecht. Ich hab’ ein gutes Gefühl! Ein gutes Gefühl! Für Dich, Jens» – sein Blick fiel auf den schönen Krieger – «bedeutet das 20 Energiepunkte. Das war heute nicht unser bester Tag, aber es scheint trotzdem so, als würden unsere Drachenritter inzwischen schon ganz gut mit dem Mistelsaft haushalten, da war Wembels kleiner Aussetzer gar nicht so schlimm.»

Für Henning Wembel allerdings, Professor der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft an der Herzog-Ullrich-Universität zu Bellnau an Laar, war es nicht nur schlimm, sondern geradezu verheerend. Noch jedesmal, wenn er mit seinen Universitätskollegen an dem Fantasy-Spiel «Drachenburg» teilgenommen hatte, war ihm irgendeine Unbill widerfahren. Seine Energiebilanz drückte den Schnitt der Drachenrittergruppe massiv nach unten. Viel schlimmer aber war, daß nicht einmal Burgfräulein-Studentin Susanne Reuter Mitleid mit ihm hatte.

 

 

Der erste Satz war leicht. Dachte zumindest Gisela Lemmings, die es auf sich genommen hatte, zu notieren, was man ihr diktierte. Aber nicht einmal dieser erste Satz, so schien es, ging ohne Debatte über die Bühne. Störend kam hinzu, daß ihr Sitznachbar Klüstrow ständig mit Hinweisen zur Bedienung des bisher ausschließlich von ihm beherrschten Textverarbeitungsprogramms dazwischenfunkte. Der Rest der Runde redete derweil wirr durcheinander auf sie ein.

Gisela Lemmings wiederholte monoton, was sie bisher getippt hatte: «Am IKS ist auf den 1. März 1999 eine Stiftungsgastprofessur …»

«Zee zwo!» plärrte jemand erregt dazwischen –

«… eine Stiftungsgastprofessur C2 auf dem Friedrich-Julius-Lehrstuhl für kulturelle Studien zu besetzen. Das IKS sieht seine …»

«Moment mal, Frau Kollegin, wer weiß denn schon, was IKS bedeutet! Da sollten Sie sich vielleicht doch die Mühe nehmen, das auszuschreiben», unterbrach Sie unwirsch ihr universitärer Ziehvater Gresewitz, der ihr unerklärlicherweise in jeder Sitzung direkt gegenüber sitzen mußte. Er wurde allerdings seinerseits sofort in die Schranken verwiesen von dem in solchen Belangen weitaus routinierteren Henning Wembel:

«Laß mal, Martin, das ist schon in Ordnung so, ‹Institut für Kulturelle Studien› steht doch standardmäßig im Kopf des Inserats.»

Wie immer, wenn er sich seiner natürlichen Vormachtsstellung beraubt wähnte, fuhr sich Gresewitz hektisch mit der siegelberingten Rechten durchs Silberhaar, um sich noch in der gleichen Bewegung mit Mittel- und Ringfinger über die linke Augenbraue zu streichen. Sein Blick drückte in einer Mischung aus Resignation und Gekränktheit aus, daß er es ja nur gut gemeint habe – aber bitteschön, sollten es die Besserwisser doch gleich von Anfang an auch besser machen!

«Also: Das IKS sieht seine Aufgabe darin, einerseits der im Stiftungsstatut verankerten Zielsetzung einer interdisziplinären Erforschung der Wechselwirkungen zwischen Technologiefortschritt und blablabla …», fuhr Gisela Lemmings gelangweilt fort, schreckte damit aber unvorsichtigerweise den angespannt vor sich hin starrenden Geldgeber des Projekts, Dr. Ing. Peter Grüske-Julius, auf, der sein gereiztes Schweigen impulsiv unterbrach:

«Nein, eben nicht ‹blablabla›. Ich dachte, wir seien uns über die Zielsetzungen nach der nunmehr vierten Sitzung in Folge allmählich einig. Ich bestehe ausdrücklich auf der Technologie-Passage!»

«Ist ja gut, ist ja gut», murmelte Gisela Lemmings, «aber jetzt muß ich leider mal kurz unterbrechen». Nur mühsam unterdrückte das vornehmlich männlich besetzte Gremium ein Seufzen. Es wurde nur aus Erleichterung darüber zurückgehalten, daß die Kollegin Lemmings sich wenigstens für die erträglichere Variante der lediglich zwei ihr zur Verfügung stehenden Konfliktbewältigungsstrategien (Gang zur Toilette oder tränenreicher Zusammenbruch) entschieden zu haben schien.

Schon auf dem Weg zur Toilette freilich ärgerte Gisela Lemmings sich über diese unbewußte Entscheidung. Einmal mehr war der Versuch fehlgeschlagen, all diese lächerlichen Anwürfe überlegen zu ignorieren. Dabei hatte sie sich exakt in dieser ehrgeizigen Absicht bereit erklärt, das Protokoll zu übernehmen. Und nun war sie wieder als reine Hilfskraft erniedrigt worden. Ihre einzige Genugtuung war, bescheiden genug, daß sie diesmal notabene nicht geweint hatte. Quasi als Ersatzhandlung betätigte sie die Spülung.

«Ich habe, um nicht noch mehr Zeit zu verlieren, schon mal weitergeschrieben», sagte der junge Jens Claassen arglos, als sie den Raum wieder betrat und sich bemühte, die wohlwollend-diskreten Blicke der Runde sichtbar zu übersehen.

«Danke, ich brauche keine Schonung», beschied Gisela Lemmings schnippisch, ließ sich geräuschvoll nieder und bemächtigte sich ihres Kugelschreibers. Dann versuchte sie, mit beherrschter Stimme vorzulesen, was bisher zustande gekommen war; dabei wirkte ihre Stimme allerdings reichlich belegt, wie sie selbst feststellen mußte, aber die Wut darüber ließ sie alsbald sicherer werden:

«Also: … Wechselwirkungen zwischen» – und hier betonte sie, deutlich mit Rücksicht auf Grüske-Julius – «Tech-no-lo-gie-fortschritt und kulturellem Wandel im urbanen Raum zu erfüllen und dadurch, andererseits, dem zunehmenden Ruf nach akademischer Etablierung der Kulturwissenschaft Raum zu geben. Vom BewerberIn …» – Gisela Lemmings wußte genau, in welche Richtung sie an dieser Stelle blicken mußte, und tatsächlich: Wie auf Kommando verzog Gresewitz zynisch-blasiert das Gesicht, enthielt sich aber diesmal einer Bemerkung – so neu war diese Diskussion nun auch wieder nicht.

«Schreiben wir doch wenigstens ‹von der Bewerberin›, Geli», raunte Henning Wembel verbindlich schmunzelnd, um einer weiteren Eskalation vorzubeugen. Die Angesprochene verzog keine Miene und blickte erwartungsvoll in die Runde.

«Weiter», forderte sie: «… von der BewerberIn …»

– «… werden erwartet», übernahm nun wie selbstverständlich Gresewitz die Führung, «– schreiben Sie: werden Mut und Fähigkeit zu breiter Interdisziplinarität erwartet» – hier bekam seine Stimme einen geradezu weihevollen Beiklang, wie Henning Wembel zu seinem ausgesprochenen Mißfallen registrierte – «bei gleichzeitiger Standfestigkeit im Stammfach, das vorzugsweise im Bereich der Geistes-, Sozial- oder Humanwissenschaften liegen sollte.» Gresewitz blickte beinahe stolz in die Runde.

«‹Standfestigkeit im Stammfach› – ist das jetzt der Pflicht-Stabreim oder was?» meldete sich sarkastisch Grüske-Julius, der Ingenieur, zu Wort.

«Fast, Herr Kollege, aber ganz so einfach ist das auch wieder nicht. Kommen wir zur Sache», erwiderte Gresewitz, sichtlich gereizt ob des unfreiwilligen Humors, den sein Stehgreifdiktat gezeitigt hatte.

Gisela Lemmings indessen hatte keine Aufmerksamkeit für derlei Randgeplänkel übrig, denn schon wieder hatte sich Wenzel Klüstrow umständlich von rechts über sie und die Tastatur gebeugt und fingerte, Unverständliches murmelnd, an beiden herum. Er war sichtlich aufgeregt: Ein glücklicher Zufall hatte es gewollt, daß er heute zum erstenmal sein seit Jahrzehnten legendenumwobenes Textverarbeitungssystem im Kreise der Institutskollegen vorführen konnte. Daß diese Premiere bei den solcherart Beglückten keineswegs begeisterte Zustimmung hervorrief, fiel Klüstrow in seiner fiebrigen Betriebsamkeit gar nicht auf. Er war vollauf damit beschäftigt, Gisela Lemmings, deren Interesse für Computer sich auf rein praktische Aspekte beschränkte, komplizierte Codes und antiquierte Befehlsketten zu diktieren, welche die Eigenart seines besonders (wie sich zeigen sollte: ausschließlich) in Mediävistenkreisen geschätzten Programms BELLTEV darstellten.

Gresewitz fuhr mit getragener Stimme fort:

«Er – oder sie – muß die Qualifikation zum Professor / zur Professorin besitzen oder eine gleichwertige Leistung nachweisen können.» Irritiert brach der Professor ab und wandte sich nach rechts, wo er einen durchaus störenden Unruheherd geortet hatte.

«Herr Inderbitzin», zischte er (wobei er den Namen merkwürdig betonte) in die Richtung des Schweizer Assistenten, der in intensivem Flüsterton auf seinen Sitznachbarn Henning Wembel einredete, «wollen Sie uns nicht an Ihren interessanten Erkenntnissen teilhaben lassen?»

«Aha, ja, ja, sorry», stammelte Dr. Beat Inderbitzin heftig errötend, «ja, es ist nur – ich berichtete nur gerade dem Henning, daß unser Professor Kupfert seinerzeit in Bern sicher etwas gehabt hätte gegen die Anhäufung von dem ja ein wenig vorbelasteten Wort ‹Raum› im Inserat.»

Gresewitz’ Gesichtsausdruck widerspiegelte gereiztes Unverständnis. «Soso, das ist ja hochinteressant!», bemerkte er ironisch, und Inderbitzin ahnte, daß er sich wohl etwas unverständlich ausgedrückt hatte in seinem Bestreben, seine Sensibilität für hochsprachliche Feinheiten einerseits und deutsche Vergangenheitsproblematik andererseits hervorzuheben.

«Ja gut», beeilte er sich hinzuzufügen, «Stichwort: ‹Lebensraum im Osten› und so weiter läßt grüßen. Ich meine ja nur!» Inderbitzin schaute beinahe triumphierend in die Runde und erklärte weiter: «Professor Kupfert hätte wahrscheinlich empfohlen, zum Beispiel: ‹im urbanen Bereich› zu schreiben – oder so.» Inderbitzins Wangen leuchteten.

«Ja. – Schön», brach Jens Claassen das eher peinliche Schweigen. «Ich glaube, da müssen wir nicht allzu heikel sein. Machen wir doch weiter.»

 

 

Ein kräftiger, feuchtkalter Wind blies Jochen Bauer entgegen. Sein Blick wurde durch unzählige kleine Wassertropfen getrübt, die an den Brillengläsern herabliefen, welche von innen ohnehin durch seine keuchenden Atemstöße in den Wollschal und seine Körperwärme beschlagen waren. Jochen schwitzte. Er trat im Stehen. Nur so konnte er dem gemeinsamen Widerstand des Windes und der arg verrosteten Fahrradkette etwas entgegensetzen. Es war schon ziemlich dunkel, die Scheinwerfer der entgegenkommenden Fahrzeuge blendeten höllisch und wurden von jedem einzelnen Regentropfen auf seiner Brille gebrochen. Jochen ägerte sich, daß er diesem Blendwerk seinerseits nicht einmal adäquat begegnen konnte. Seine Fahrradlampe war seit Monaten kaputt, was er allerdings hartnäckig ignorierte: Jedesmal von neuem klappte er den uralten Dynamo wieder ans Vorderrad, wo er dann mit erstaunlichem Druck für zusätzliche Reibung sorgte; die Kraft, ihn auszuschalten, brachte Jochen nun nicht mehr auf, er war viel zu sehr damit beschäftigt, sich auf dem glitschigen Kopfsteinpflaster durch den Verkehr zu schlängeln; seine Mappe, die behelfsmäßig auf dem Gepäckträger befestigt war, mußte er alle paar Meter wieder justieren.

Endlich kam das steile Stück vor der Linkskurve, wo er es rollen lassen konnte. Durch die Erleichterung ließ seine Aufmerksamkeit für ein paar Sekunden nach.

«Scheiße» dachte Jochen nur noch und sah sich nach dem giftgrünen Polo um, der ihn mit unverminderter Geschwindigkeit naßgespritzt hatte, was ihn beinahe vom Rad gefegt hätte. Er mußte absteigen, um seine über alles geliebte Hirschledermappe aus dem Schmutz zu ziehen. Als er seine Brille wieder aufsetzte, die er umständlich zu putzen versucht hatte, erblickte er durch die nun keineswegs saubereren Gläser eine überdimensionierte Laugenbrezel, die ihn, schummrig illuminiert, von der gegenüberliegenden Straßenseite selbstzufrieden angrinste. «Das darf doch nicht wahr sein!», dachte Jochen und spielte einen Augenblick lang mit dem Gedanken, das kopfvoran im Wind vor sich hin baumelnde gläserne Wahrzeichen der Stadt Bellnau durch einen gezielten Steinwurf zu zerstören. Allerdings deprimierte ihn diese Vorstellung nur noch mehr, hatte er doch in seinem scharf auf Dreißig zugehenden Leben noch nie irgendwo ins Schwarze getroffen. Die Brezel erinnerte ihn an das Abendbrot, das ihm in wenigen Minuten bevorstand. In seiner Mappe lagen zwei plattgedrückte, inzwischen vermutlich von Schmutzwasser aufgeweichte Laugenbrezeln – zwei Exponate des Tages aus der Abteilung «Unser täglich Brot» des Bellnauer Brotmuseums.

Während er das Fahrrad neben sich herschob – zu allem Überfluß war auch noch die Kette abgesprungen – ließ er den heutigen Nachmittag nochmals Revue passieren. Überraschenderweise war sogar eine ganze Gruppe von Besuchern – Japanern (beziehungsweise Koreanern, wie ihn deren Reiseleiterin freundlich aufgeklärt hatte) – aufgetaucht, denen Jochen aber sein mittlerweile beträchtliches Fachwissen aus naheliegenden Gründen nur oberflächlich hatte vermitteln können. Denn wie hätte er der Oberkoreanerin klarmachen können, wie sie etwa «Teigteilwirkmaschine», «Hörnchenwickelmaschine», «Fettbackgerät» «Etagenofen» oder «Mehlsiloanlage» übersetzen sollte? Jochen kannte wohl die feinen Unterschiede in der Herstellung und im Aussehen von Weizen-, Weiß-, Salz-, Mohn-, Kümmel-, Doppel- und Roggenbrötchen, aber es schien ihm klar, daß die nur mäßig interessierten Asiaten diese urdeutschen Backwaren allesamt für ungenießbar halten mußten. Oder war er da nur wieder einem eurozentristischen Vorurteil aufgesessen? Er hörte schon die empörten Predigten, die über ihn hereinbrächen, würde er sich eine solche Bemerkung in Gisela Lemmings’ Seminar erlauben.

«Sie sollten sich vielleicht zur Sicherheit auch schon mal nach einem anderen Brotberuf umsehen, Herr Bauer», hatte ihm sein Chef, Herr Bödele, heute wieder geraten, nachdem er im Stadtrat über die desolate Lage des Brotmuseums referiert hatte. Daran mußte Jochen denken, als er in seiner überheizten und peinlich ordentlichen Studentenbude mißmutig in eine der Brezeln biß, die zu seiner Überraschung nicht platt und feucht, sondern hart und verdammt trocken waren.

 

 

Nach seinem peinlichen Votum war es Beat Inderbitzin irgendwie gelungen, unter undeutlich gemurmelten Hinweisen auf ein «menschliches Bedürfnis» die Berufungskommission zu verlassen. Das Votum war nötig gewesen, damit er sich guten Gewissens entfernen konnte – er hatte seine Pflicht getan. Jetzt eilte er mit weitausholenden Schritten durch die Eingangshalle des historischen Hauptgebäudes der Universität. Er war auf der Suche nach einem Telefon und bereute zum erstenmal seine ansonsten demonstrativ zur Schau getragene Verachtung für Handys. Eine innere Unruhe trieb ihn. Endlich fand er, etwas versteckt zwischen chaotisch tapezierten Anschlagwänden, ein Münztelefon.

«Ja, hallo, hier ist der Beat, ähm, Beat Inderbitzin, Du weißt schon!»

«Ah ja, Tag. Sie waren der Bewerber aus der Schweiz?»

«Ja, ganz korrekt. Ich wollte euch nur zur Sicherheit eigentlich nochmals bestätigen, daß ich also effektiv interessiert bin!»

«Ja», der am anderen Ende der Leitung lachte kurz auf, «das haben wir schon verstanden. Und unter uns gesagt, wir haben uns auch für Sie entschieden!»

Beats Aufregung wurde durch diese Mitteilung noch gesteigert. Er hatte es geschafft! Er klaubte vorsichtig seine Münzen aus dem Apparat und blickte sich wieder suchend um. Diesmal fand er schneller, was er gesucht hatte. Er mußte sich erst einmal setzen – fast er hätte er vergessen, die Kabine zu verriegeln. Unglaublich. Sie wollten ihn! Damit hätte er zu allerletzt gerechnet.

Sein erster Auftritt in der WG hatte die Reihe peinlicher Fehltritte fortgesetzt, deren vorerst letztes Glied seine Bemerkung eben in der Sitzung war, und er hatte das Gefühl einer merkwürdigen Deplaziertheit nur verstärkt, das ihn seit seiner Ankunft in Deutschland nicht verlassen hatte.

Zugegeben, er war auf einiges gefaßt gewesen, als er sich nach einigen Fehlschlägen für diese Anzeige am zentralen schwarzen Brett entschieden und einen Vorstellungstermin vereinbart hatte. In vager nostalgischer Erinnerung an seine nun auch schon etwas länger zurückliegende Studentenidylle hatte er beschlossen, sich ungeachtet seines fortgeschrittenen akademischen Grades unter das Studentenvölkchen zu mischen – selbst einen Joint als Empfangsritual hätte er nicht verschmäht. In entsprechender Gesinnung und Aufmachung hatte er sich auf den Weg gemacht.

Beat Inderbitzin hatte zunächst gemeint, sich in der Adresse geirrt zu haben, aber er hatte schließlich nur diese eine an der Stedtnauerstraße, und so bestieg er unverdrossen den Aufzug. Nach wenigen Sekunden öffnete sich die zur siebten Etage des etwas außerhalb des Stadtzentrums gelegenen Neubaus. Er stand plötzlich mitten in der Wohnung.

«Ähm, sorry, ich bin da wohl in den falschen Stock geraten», stotterte Beat Inderbitzin den gutgekleideten Geschäftsmann an, der ihm entgegenkam.

«Asche, Othmar Asche», streckte der ihm die Hand entgegen, «das glaube ich kaum, Herr …»

«Beat. Ich denke, wir können uns Du sagen, oder?»

«Na klar, find ich gut! Ich dachte nur: Assistent und so …» Othmar produzierte ein künstliches Lachen. «Also, damit ich das nicht vergesse: Parkplatz, Swimmingpool im Untergeschoß und Sauna sind inklusive.»

Der Knall einer achtlos heruntergeschlagenen Klobrille ließ Beat aufschrecken. Er hatte sich gerade sorgenvoll vorgestellt, wie er Professor Kupfert in Bern beibringen sollte, daß das heutige Studentenleben etwas anders aussehe, als sie beide das noch erlebt hätten. Kupfert war es nämlich gewesen, der ihn gedrängt hatte, in die «weite Welt hinaus» zu ziehen; er solle doch seine Lehr- und Wanderjahre im «großen Kanton» absolvieren – am besten in Bellnau, wo er, Kupfert, noch über «glänzende Beziehungen» aus seinen eigenen akademischen Anfängen verfüge. Ganz zu schweigen vom fachlichen Gewinn, den der genius loci verspräche: Kupfert hatte vielsagend angedeutet, daß die historische Loreley hoch über der Laar, kurz bevor diese ihren weiten Bogen nach Bellnau nimmt, die armen Schiffer ins Unglück getrieben habe – nicht erst Heine habe sie dann effekthascherisch an den Rhein verpflanzt, auch er sei bereits Opfer einer wohl von Brentano über Graf Loeben und Aloys Schreibers «Handbuch für Reisende am Rhein» tradierten Mystifizierung gewesen. Der so einleuchtende Name «Lore Ley» sei nichts als eine Verhunzung der lieblichen «Laarley», ja, es sei nachgerade ein drängendes Forschungsdesiderat und eine überaus lohnende und ja aber auch sehr dankbare Aufgabe für einen jungen Wissenschaftler, dieses Problem einmal in einem geschliffenen kleinen Aufsatz ins rechte Licht zu rücken.

Parkplatz – das konnte er noch verstehen. Aber Sauna? Swimmingpool? Diese WG hatte so gar nichts von jenem bohèmeartigen deutschen Kommunardenwesen, für das Beat sich in gespannter Vorfreude gerüstet hatte. Entsprechend unterkühlt war auch die Begegnung mit dem unsympathischen Othmar ausgefallen, der es sich nicht nehmen ließ, ihm die für seine Begriffe luxuriöse Wohnung in allen Details und inklusive ihrer anderen beiden Bewohner (wahrscheinlich alles Wirtschaftsstudenten) vorzuführen. Jetzt fragte er sich gerade, weshalb um alles in der Welt er da zugesagt hatte. Fiel er so leicht auf oberflächliche Schmeicheleien herein? Er hätte nämlich nie damit gerechnet, daß die ihn nehmen würden.

«Fühlt irren Druck im Darm der Gresewitz / Rast er geschwind auf diesen Sitz.» Mühsam hatte Beat unter starken Verrenkungen das Gekritzel an der Kabinenwand entziffert. Den Spruch mehrmals vor sich hin murmelnd, schraubte er die Kappe seines Füllfederhalters auf und setzte stirnrunzelnd zur Korrektur an. Die Tinte wollte auf dem Kunstoffbelag nicht recht halten. Nach einigen Versuchen gelang es ihm dann, das Wort «irren» säuberlich durchzustreichen, das sein metrisches Gefühl, seinen Gleichgewichtssinn beleidigt hatte.

Als plötzlich von außen die Klinke gedrückt wurde, saß er schlagartig kerzengerade. Gottseidank, es war abgeschlossen. Ein gereiztes Räuspern, das zweifellos nur von Gresewitz stammen konnte, rief dem Germanisten Beat in Erinnerung, wieviel Wahrheit doch mitunter in einem einfachen Gedicht steckte …

 

 

«Mann, kapier doch endlich mal, was in dem Text alles drinsteckt! Du leierst das so teilsnahmlos runter! Und los! Komm! Hopp, hopp, hopp, nochmal ab C!» Larissa verdrehte die Augen. Mit krebsrotem Gesicht hüpfte der Mann mit dem stark erblondeten Kurzhaar vor ihr herum und klatschte in die Hände wie ein überdrehter Club-Animator.

«Ger-man Sec-tor, Ger-man Sec-tor, e-hen-dlich ver-ei-heint, feel the spi-rit of free-hee-dom, we are all of one kind!» sang «Mike» ihr zum x-ten Mal voll beängstigender Begeisterung den Refrain des Titelsongs vor. Das 10-Jahre-Mauerfall-Jubiläums-Musical «GS – German Sector 2000» war eine Koproduktion der Musicalklasse der Bellnauer Musikhochschule und deren Chemnitzer Pendant. In einem Kraftakt ohnegleichen hatte man unter Mikes Federführung (niemand erinnerte sich an seinen richtigen Namen) Text, Musik, Choreographie – einfach alles in Eigenregie aus dem Boden gestampft. Böse Zungen hatten schon früh gelästert, daß sich die «Brotstadt Bellnau» nicht gerade dazu eigne, nun auch noch «Musical-Stadt» zu werden. Diese bösen Zungen wollte Mike zum Schweigen bringen – notfalls, indem er sie einfach übertönte.

«Ger-man Sec-tor, Ger-man Sec-tor», äffte Larissa ihren Peiniger nach. Sie hatte beschlossen, daß es sinnlos sei, ihm zu erklären, daß sie als Geisteswissenschaftlerin wohl noch besser als er in der Lage sei, zu beurteilen, was in einem Text «steckte» oder nicht.

«Spitze, ja suuper!» Mike klatschte sich mit beiden Händen ekstatisch auf die Schenkel, wobei er elastisch in die Hocke ging.

 

 


IKS – Friedrich-Julius-Institut für Kulturelle Studien an der

Herzog-Ullrich-Universität zu Bellnau an der Laar

 

Am IKS ist auf den 1. März 1999 kurzfristig eine

 

Stiftungsgastprofessur (C2)

auf dem Friedrich-Julius-Lehrstuhl für kulturelle Studien

 

zu besetzen. Das IKS sieht seine Aufgabe darin, einerseits der im Stiftungsstatut verankerten Zielsetzung einer interdisziplinären Erforschung der Wechselwirkungen zwischen Technologiefortschritt und kulturellem Wandel im urbanen Raum zu erfüllen und dadurch, andererseits, dem zunehmenden Ruf nach akademischer Etablierung der Kulturwissenschaft nachzukommen. Von der BewerberIn werden Mut und Fähigkeit zu breiter Interdisziplinarität erwartet, bei gleichzeitiger Standfestigkeit im Stammfach, das vorzugsweise im Bereich der Geistes-, Sozial- oder Humanwissenschaften liegen sollte. Der/die Lehrstuhl-InhaberIn ist gleichtzeitig InstitutsleiterIn auf Zeit. Er – oder sie – muß die Qualifikation zum Professor / zur Professorin besitzen oder eine gleichwertige Leistung nachweisen können.

Das IKS strebt einen erhöhten Anteil an Frauen im Lehrkörper an. Schwerbehinderte werden bei gleicher Eignung bevorzugt berücksichtigt. Die Ausschreibung richtet sich ausdrücklich auch an BewerberInnen nichtdeutscher Herkunft.

Die BewerberInnen werden gebeten, Ihre Unterlagen inkl. Schriftenverzeichnis (keine Schriften im Original beilegen) bis zum 15. Januar 1998 an folgende Adresse einzureichen:

IKS c/o Herzog-Ullrich-Universität zu Bellnau/Laar, z. Hd. v. Prof. Dr. phil. Dr. h. c. Martin A. Gresewitz, Mörikeallee 1–10, 79999 Bellnau a. L.

 

 

Wenzel Klüstrow blickte, mit der Zeitung kämpfend, selbstzufrieden auf die eindrucksvolle Anzeige – er konnte nicht wissen, daß die Daten keineswegs direkt aus BELLTEV hatten übernommen werden können, Frau Zischer, die 50%-Stelle vom IKS-Sekretariat, hatte den ganzen Text nochmals abtippen müssen. Beinahe andächtig, als hätte er es mit einem Neugeborenen zu tun, und mit dem Glanz des Triumphs im Auge reichte er das Blatt, das er inzwischen sorgfältig gefaltet hatte, an Jenny Klepzik, die externe Quotenfrau zu seiner Rechten, weiter. Mit dem trockenen Blatt Papier machte auch der Triumph seine Runde: Voller Genugtuung kontrollierte Frau Klepzik die weiblichen Endungen – darin sah sie ihre Aufgabe, und darin durfte sie sich der Rückendeckung durch Prof. Gisela Lemmings gewiß sein. Grüske-Julius hingegen war mit der gebührenden Gewichtung, die dem Technologieaspekt in der Endfassung zuteil geworden war, zufrieden – schließlich war das ganze Institut eine Stiftung seines verblichenen Schwiegervaters, die ohne die JBSF (Juliuswerke Bellnau, Schmier- und Fettstoffe), den größten Arbeitgeber am Ort, nie zustande gekommen wäre. Der sensible Neugermanist Wembel verspürte einen leichten Stich, als er Gresewitz’ Namens ansichtig wurde, und er mußte sich eingestehen, daß da ein Körnchen Eifersucht – oder gar Neid? – durchaus hineinspielte; Henning Wembel beschloß in diesem Augenblick, das besagte Körnchen in einen Perlmuttpanzer einzuschließen, dessen Glanz das trockene Philistertum seiner Kollegen einfach überstrahlen würde – dann würde man ja sehen! Während der letzten Sitzungen war ihm bewußt geworden, daß er auf verlorenem Posten stand: Diese C2-Professur war aufgrund ihrer exponierten Stellung um einiges prestigeträchtiger als seine eigene, ganz gewöhnliche. Die Hausberufungsklausel machte seine Bewerbung aber von vornherein unmöglich. Die letzte Chance erblickte er deshalb darin, Gresewitz als de-facto-Institutsleiter und Beiratspräsidenten zu beerben und somit zum unverzichtbaren Bindeglied zwischen IKS und geisteswissenschaftlicher Fakultät zu werden. Die Situation war so vertrackt, daß Wembels Neid sich absurderweise sogar auf den akademischen Grünschnabel Inderbitzin erstreckte, der auch diesmal neben ihm saß. Inderbitzins Lage war insofern durchaus außergewöhnlich, als er als einfacher Assistent des soeben entstehenden Instituts schon vor seinem Professor «existierte», ja an dessen Wahl teilnehmen würde – gewöhnlich war exakt das Umgekehrte. Dr. med. Jens Claassen, genannt der «schöne Doktor», Medizinhistoriker und gleichsam Scharnier zu den Naturwissenschaftlern, durchsuchte den Text nach einem einzigen Zauberwort, das ihm gleichsam als Sesam-öffne-Dich die geweihten Gefilde der Geisteswissenschaften erschloß: «Interdisziplinarität». Seinen profunden Foucault-Kenntnissen hatte er es zu verdanken, daß er hier nicht nur geduldet, sondern durchaus geschätzt war – zumindest hatte er selbst diesen Eindruck.

Ein einziger Teilnehmer der Runde blieb von der verhaltenen Aufbruchsstimmung – oder doch wenigstens einer gewissen Genugtuung, die sich bescheiden schon in einem weiblichen Suffix verkörpern konnte – ausgeschlossen: Gresewitz. In der linken Hand hielt er die Zeitung, die rechte fuhr durchs Haar. Eine unendliche Melancholie bemächtigte sich seiner, ja, es war, als nähme er Abschied – aber wovon? Seine Augen strichen mechanisch über die Anzeige, bis er nichts mehr sah, alles verschwamm in fadem Grau, von dem sich nur der schwarze Rahmen abhob, der nun als Horizont seinen Blick begrenzte. Die ersten Zeichen, die er halbbewußt wieder entziffern konnte, lauteten «Prof. Dr. phil. Dr. h. c. Martin A. Gresewitz», und sie trösteten ihn. Doch da wurde ihm plötzlich die schreckliche Bedeutung all dieser Zeichen bewußt: Er hielt seine eigene Todesanzeige in den Händen. Seine akademische Todesanzeige. Die Zeit seiner Interimsherrschaft im IKS, das auch er als sein Kind reklamierte, war unwiderruflich vorbei – und damit zugleich seine gesamte universitäre Laufbahn, darüber gab er sich keinen Illusionen hin.

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