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«W |
ieviel Points bringt das Seminar hier
eigentlich?»
«Weiß
nicht, Othmar, fünf oder so – aber ich komm eh wegen dem Typ, dem
Wembel geb ich mit Sicherheit volle zehn Punkte!»
«Da
bist Du nicht alleine. Mit Lyrik hatte ich bisher überhaupt nichts am
Hut, aber ich habe gehört, daß der das wohl ganz toll rüberbringt.»
Der
Raum war bis auf den letzten Platz besetzt, sogar auf dem Fußboden, den
Wänden entlang und auf den Fensterbänken drängten sich die wirrr
durcheinander diskutierenden Studenten. Für die meisten war es das
erste Hauptseminar, die Spannung war entsprechend groß. An den Tischen,
die ein langes Rechteck in der Mitte bildeten, saß die altgediente
Elite, die das Treiben der Nachkommenden mit Dulderblick ignorierte. Die
Luft war schon vor Beginn der Veranstaltung ziemlich verbraucht, die
Fenster in dem überheizten Seminarraum beschlagen.
Alle
Blicke richteten sich nach vorn, als ein mittelgroßer, auf die Fünfzig
zugehender Mann sich an der vorderen Stirnseite des Tischrechtecks
erhob, um sich Gehör zu verschaffen – keiner hatte gemerkt, wie er
hereingekommen war. Henning Wembel. Der
Wembel.
Jochen
Bauer, der zu den Neuzugängen zählte, hatte ihn sich aufgrund der
Mythen, Legenden und Schmähreden derer, die ihn bereits kannten, ganz
anders vorgestellt. Schlanker irgendwie; schneidiger und kurzhaariger.
Und diese Stimme, die man kaum hörte – doch, jetzt wurde es ruhiger:
«Hallo»,
sagte Wembel und ließ das O sanft ausklingen. Kurze Pause. «Hallo, ich
bin der Henning Wembel, ihr kennt mich ja teilweise schon.» Wembel
blickte in scheinbarer Schüchternheit vor sich hin und blätterte dabei
gedankenverloren in seinen Unterlagen.
«Unser
Thema ist ja die Aichinger, also Lyrik» – Wembel sagte Lüühryck.
«Ich verstehe gut, wenn das jetzt nicht allen was sagt. Das ändert
sich dann schon im Laufe des Semesters. Wenn vielleicht jeder von euch
was mitnehmen kann, so ein, zwei Gedichte aus dem Reader, den ich eben
mal rumgehen lasse – danke, Larissa –, dann glaub ich schon, daß
wir da zusammen was ganz Gutes hinkriegen können.»
Jochen
berührte die seltsame Mischung aus betonter Zurückhaltung und dem fast
schon sakralen Gestus des Lauschens, den das aufreizend leise Sprechen
des Professors provozierte, sehr merkwürdig. Irritiert beobachtete er,
wie der innere Kreis in erwartungsvoller Ruhe zuhörte – sie schienen
das alles natürlich zu kennen, es aber doch für angebracht zu halten,
daß es für die anderen noch einmal gesagt werden mußte –, während
das Gros der Anfänger bereits jetzt eifrig mitschrieb. Er wandte sich
kurz um und fragte sich, ob er irgendetwas falsch machte oder etwas
verpaßt hatte und kramte nach einem Stift.
«Ich
finde es ja, offengestanden, eine denkbar ungünstige Zeit, schon um
zehn eß tee anzufangen. Das ist ja echt ’n Witz. Ich würde mal
vorschlagen, wir verschieben das Ganze auf den Abend, wenn ihr
einverstanden seid – aber bitte sagt das doch nicht gleich dem
Gresewitz, das muß nicht sein, ja?» Wembel hatte eine kaum merkliche
Pause zwischen Grese- und -witz eingelegt, so daß ein halberlöstes,
aber gleich wieder zurückgenommenes Auflachen die Gemeinschaft ein
erstes Mal verständnisinnig verband.
«Wie
wär´s denn, wenn wir wieder eine Blockveranstaltung machen würden.
Das war doch letzten Sommer mit Celan in Paris ganz ertragreich»,
fragte eine gedrungene, unauffällige Studentin mit verbindlichem Lächeln.
Jochen fiel das merkwürdige Echo auf, das Wembels Tonfall in diesem Mädchen
fand.
«Du,
Monika, da wäre ich an sich sofort dabei. Nur scheint mir das bei der
Aichinger ein bissel schwieriger, in spannende Gegenden zu fahren – na
ja, gut, Wien ist schon auch ganz schön im Winter, aber wir könnten
den Block natürlich auch hier machen.» Dieser Vorschlag schien keine
begeisterte Aufnahme zu finden, wie Jochen feststellte. An allen Ecken
begannen Flüsterdiskussionen, denen Wembel aber routiniert ein Ende
setzte:
«Okee,
wir können das ja hinterher im Adelphos noch zu Ende besprechen – das
ist so eine liebgewonnene Tradition im Anschluß an die Sitzungen, was
Kleines zu Mittag oder so» – kurzer Blick in den inneren Kreis – «jetzt
sollten wir, denke ich, doch mal gleich in medias res gehen. Detlef, Du
hast uns da ja, glaube ich, für heute was für den Einstieg
vorbereitet.»
Anfangs
versuchte Jochen noch festzuhalten, was nun kam. Detlef, wohl über Dreißig,
eher unscheinbar, durchaus sympathisch, las monoton einen – so mußte
Jochen trotz allem annehmen – selbstgeschaffenen Text ab. Es ging um
Ilse Aichinger, das schien klar zu sein. Alles andere hätte Jochen
bereits zehn Minuten später nicht wiederzugeben vermocht. Er überflog
seine Notizen mit den Fetzen dessen, was ihm mitzuschreiben gelungen
war:
«…
die Grenze, an die die Lyrik uns allererst bringt, ist der Körper. Er
beginnt, wo die Sprache aufhört …» – «… unsere Aufgabe kann nur
darin bestehen, diese Einschreibungen zu dechiffrieren. – Wobei
freilich unsere hermeneutischen Ergebnisse immer nur Fragmente einer
letztlich utopischen Sinnstiftung sein können.» Der Eindruck, hier
einiges zu verpassen, wurde Jochen mählich zur Gewißheit. Noch war er
sich allerdings nicht im klaren darüber, woran das lag. Der Referent
reichte plötzlich zwei Stöße Photokopien herum. Jochen hatte jetzt
verstanden, daß Detlef seine Ausführungen an einem Gedicht «festmachen»
wollte.
Detlef
setzte zu seinen Erläuterungen an, da unterbrach ihn Wembel mit sanftem
kollegialem Nachdruck – ihm schien aufgegangen zu sein, daß hier über
einige Köpfe hinweggesprochen worden war: «Halt mal noch kurz. –
Woran» (Blick in den äußeren Kreis) «erkennen wir eigentlich, daß
das ein Gedicht ist?»
Erstaunt
sah sich Jochen – und mit ihm die meisten Mitanfänger – das Blatt
noch einmal näher an; er hatte die fünf Zeilen kurz durchgelesen und
nichts Besonderes dabei gefunden – auch der Zusammenhang mit Detlefs
Redeschwall war ihm im übrigen völlig abgegangen. Einige unerträgliche
Minuten lang herrschte peinliches Schweigen. Die Kenner schienen sich
bewußt zurückzuhalten.
«Ich
weiß ja nicht», traute sich eine Rotbackige vor, «vielleicht weil es
so kurz ist?»
«Jaaa,
mhm. Gut, aber überlegen Sie mal: Ein Kurzinserat könnte noch viel kürzer
sein – aber ist es deswegen auch schon ein Gedicht?» Ein erstauntes
Raunen wurde hörbar.
«Wenn
es allein auf einer leeren Seite gedruckt steht, könnte das heute schon
sein, oder?» meinte ein Witzbold herausfordernd.
«Bingo»,
sagte Wembel ungerührt mit seinem legendären Schluß-O. «Ganz
richtig: Ein Gedicht erkennen wir unter anderem daran, daß viel Weiß
drumrumsteht. Aber das könnte notfalls auch bei einem Inserat noch der
Fall sein. Ja, weiter?»
Plötzlich
rief einer übereifrig: «Ja, aber die Zeilen!»
Die klassische Frau-Frau hat vor
Jahrzehnten einmal ein Studium (vorzugsweise der Soziologie oder doch
wenigstens Sozialpädagogik) abgebrochen, um vorübergehend eine
Freundin im benachbarten Frauenbuchladen zu vertreten. Daraus wurden
Jahre, die meist noch heute andauern. Heute kann sie in den
allerverschiedensten «Zusammenhängen» angetroffen werden – mit der
klassischen Feministin, der Ökofrau, der Selbstverwirklicherin, der Bücherfrau
oder der Toscana-Töpferin ist sie lediglich partiell deckungsgleich. Je
älter sie wird, desto unaufhaltsamer wird sie zur zweifelsfrei
bestimmbaren Frau-Frau. Ihrer Stimme fehlt die Schärfe der
Neuemanzipierten – das haben wir längst hinter uns. Ihrer Stimme
fehlt es aber auch an Wärme und Weichheit – das hat man uns genommen.
Spöttischer Vorwurf und bornierte Betroffenheit treffen sich in einer
habituell-penetranten Gereiztheit. Hals und Ohren zieren großformatige,
gern an Formen und Stoffe der Natur erinnernde Schmuckstücke, welche
einerseits die Zuordnung zum Typus der Frau-Frau erleichtern, letztere
andererseits aber durchaus zieren, wenn auch unter Vermeidung von
Erscheinungsweisen, die gemeinhin undifferenziert als «weiblich»
betrachtet werden. Unter der wahlweise hennaroten oder aber
graumelierten stacheligen Kurzhaarfrisur mit obligatorischen, nach unten
spitz zulaufenden Koteletten (so nennt man sie jedenfalls bei Männern)
erhebt sich nicht minder spitz ein bizarres, asymmetrisches Kunstwerk
aus diesmal eher naturfremden Stoffen wie Glas, Aluminium, Titan, ja:
Kunststoff, über das – wiewohl es den Durchblick erleichtern soll –
gerne hinweggeblickt wird. Zum Essen bestellt die Frau-Frau unbedingt
eine Weißwein-Schorle mit einem Extraschuß Mineralwasser.
Jenny
Klepzik jedenfalls war eine Frau-Frau. Probleme mit Männern kannte sie
nicht – sie ließen sie zum Glück mehr oder weniger kalt. Sie hatte
sich in ihren früheren Jahren so ausführlich mit allerlei
Geschlechterkonstruktionen herumschlagen müssen, daß es ihr inzwischen
völlig gleichgültig war, ob es so etwas wie Geschlechter (welcher Art
auch immer) überhaupt gab – und mancher ihrer zahlreichen Bekannten
hatte sich insgeheim schon einmal bei dem Gedanken ertappt, daß das
zumindest in ihrem eigenen Fall durchaus fraglich erschien. Sogar eine
eigene Buchhandlung hatte Jenny Klepzik, mit stark vertretenem
Frauen-Sortiment.
In
diese gut eingeführte Buchhandlung mit dem Namen «UraNuss», die dank
ihrer zentralen Lage an der Mörike-Allee gleichzeitig als Universitätsbuchhandlung
fungierte, trat kurz vor elf an jenem Dienstagvormittag schwungvoll
Doktor Jens Claassen. Jenny Klepzik wollte den Kommissions-Kollegen mit
einem fast einladenden Lächeln begrüßen, der aber machte keinerlei
Anstalten, sie zu erkennen.
«Tag.
Vielleicht können Sie mir helfen, Fräulein.» Frau Klepzik war
sprachlos.
«Ich
such da was für meine kleine Freundin, wissen Sie, so einen
romantischen Schmöker, zum Geburtstag. Was von der Cartland oder was in
der Richtung.»
«So,
so, eine ‹kleine Freundin› haben Sie also», und dann betonte sie
spitz jede Silbe, «Herr Dok-tor Claa-ssen!»
Claassen
blickte irritiert auf: «Ach ja, wir kennen uns wohl, ja?» und lächelte
versuchsweise versöhnlich.
«Tja,
das tun wir wohl, nicht? Aber für den Geschmack sind Sie hier, fürchte
ich, nicht ganz richtig. Aber Augenblick mal, da war doch kürzlich
dieses Seminar über Trivialliteratur, ich glaube fast, ich habe da noch
so einen Nackenbeißer.» Claassen schien nicht zu verstehen. Jenny
Klepzik reichte ihm einen dicken Taschenbuchband, auf dessen
goldbeschriftetem Umschlagbild sich ein langhaariger Hüne mit entblößter Kämpferbrust vor exotischer Urwaldkulisse über
eine holde Schönheit mit verrutschtem Ballkleid beugte, als wollte er
ihr sogleich sein gesundes Gebiß in den elfenbeinfarbenen Hals
schlagen.
Und
nun geschah das Unfaßbare: Der schöne Doktor schien vollauf zufrieden.
Die Buchhändlerin wartete noch einige Sekunden, ob ihre Rache nicht
doch noch einschlüge – aber nein, seine Züge verklärten sich
geradezu, und mit den Worten «Vielen Dank, guter Service hier!»
bezahlte er und war verschwunden, ohne zu erfahren, woher er Jenny
Klepzik kannte. Aber er sollte sie noch kennen lernen …
Am Ende eines schlecht beleuchteten
Ganges im ersten Untergeschoß des Instituts für Germanistik bereitete
Professor Wenzel Klüstrow eine Überraschung vor. Hier war sein Reich.
Seit Jahrzehnten. Und seit Jahren hatte sich – abgesehen von
vereinzelten skurril veranlagten Studenten – niemand mehr hierher
verlaufen («Klüstrophobie» war der gängige institutsinterne Ausdruck
für die Gefühle, die einem das Interieur hinter der Panzertür mit der
Aufschrift «BELLTEV – Prof. W. Klüstrow» mit dem handschriftlich
hinzugekritzelten Zusatz «Entwicklungszentrum» einflößte).
Klüstrow
hatte ohne Zwischenfälle alles vorbereitet, als der Gast, den er in
freudiger Erregung erwartete, auch schon am anderen Ende des Ganges
zielstrebig um die Ecke bog. Als erstes befremdete Peter Grüske-Julius
der eigentümliche Geruch, dessen Zusammensetzung er schwer zu
beschreiben vermocht hätte.
«Ich
hab ein gutes Gefühl!» begrüßte
Klüstrow den IKS-Mäzen mit seiner Standardwendung, in die er die
verschiedensten Ausdrucksnuancen zu legen wußte. Meist betonte er
exaltiert das vorletzte Wort, unterstrichen durch eine beinahe hüpfende,
auftrumpfende Bewegung, die Hand, Kopf und Bein einschloß. Obwohl er
vor Klüstrows Eigenheiten hinreichend hätte gewarnt sein sollen, wich
Grüske vor soviel Begeisterung beinahe unwillkürlich zurück.
«Na,
dann führen Sie mich doch bitte mal in Ihr Allerheiligstes!» Grüske
bemühte sich um einen möglichst unverbindlich-jovialen Tonfall.
Klüstrow
ließ sich nicht zweimal bitten. Mit leicht gebeugtem Rücken,
eingezogenem Kopf und angelegten Ellbogen tänzelte er voraus und führte
das Opfer in seine Höhle.
Grüske
sollte als Elektronik-Experte für die interimistische IKS-Leitung prüfen,
ob der konstengünstige Einsatz des Klüstrowschen Systems einer teuren
Neuanschaffung für das junge Institut vorzuziehen sei. Sein Vorwissen
beschränkte sich darauf, was man früher oder später unvermeidlich
erfuhr, wenn man mit den Mitarbeitern des Germanistischen Instituts näheren
Umgang pflegte: Das System BELLTEV erlaubte die datentechnische
Bearbeitung umfangreicher wissenschaftlicher Editionen einschließlich
verschiedener textkritischer Apparate, Register und Anhänge. Jeder
Vergleich zu gängigen Textverarbeitungsprogrammen war, soviel hatte Grüske
verstanden, tabu. BELLTEV – die Abkürzung stand schlicht für «Bellnauer
Textverarbeitungssystem 1961» – war nicht mehr und nicht weniger als
Klüstrows Lebenswerk und hatte ihn Hunderte von Überstunden, drei
Dioptrien und eine Ehefrau gekostet. Der Ingenieur Grüke, trotz seiner
Überzeugung dem Mythos gegenüber nicht ganz immun, konnte jedoch eine
gewisse Enttäuschung nicht verhehlen, als er auf den antiquierten, in
flimmernden Grün-Pixeln leuchtenden Bildschirm blickte, der, schwer
erkennbar, über sieben Zeilen hinweg den aus einzelnen Buchstaben
zusammengesetzten Schriftzug «BELLTEV» zeigte. Grüske war einigermaßen
hilflos und setzte versuchsweise eine interessierte Miene auf.
«So.
Und jetzt kommt’s – Achtung!» Klüstrow rieb sich die Hände. «Jetzt
dürfen Sie mal ganz vorsichtig die Wagenrücklauftaste betätigen –
aber vorsichtig, wenn ich bitten darf!»
Grüske
tat, wie er geheißen wurde, und verfolgte, was sich tat: Langsam begann
der Schriftzug zu blinken und unter hörbarer Schwerarbeit der Maschine
erschienen die Worte «Herzlich willkommen zu dieser Sitzung! Wollen Sie
Musik hören – 01!». Klüstrow war nicht mehr zu halten.
«Tja,
jetzt wissen Sie nicht mehr weiter, Herr Fachmann, was? Aber ich verrate
es Ihnen!» Mit spitzen Fingern tippte Klüstrow eigenhändig die
Ziffernfolge 0-1 ein und gab dann in einer hektischen Rückzugsbewegung
den Blick auf den Bildschirm frei – obwohl dort alles blieb, wie es
war. Etwas anderes geschah allerdings. Zaghaft und dünn erklangen
abgehackte elektronische Staccato-Signaltöne, deren Abfolge – einige
Toleranz und Musikalität vorausgesetzt – von ferne an Beethovens «Für
Elise» erinnerte. Grüske starrte stumpf vor sich hin und erwog
seinerseits Rückzugsstrategien, aber er wußte nicht, wie er es
anfangen sollte.
«Das
ist also das Neueste, was wir» – Klüstrow wählte wohl den Plural,
um über sein Einzelgängertum im «Entwicklungszentrum» hinwegzutäuschen
– «in der diesjährigen Herbstversion zu bieten haben. Eine
willkommene kleine Aufheiterung. Ich muß sagen, ich hab ein gutes Gefühl!»
Grüske-Julius
ritt der Teufel. Er griff in seine Tasche und praktizierte eines seiner
Mobiltelefone hervor. «Jetzt passen Sie
mal auf, Kollege, was dieses kleine Wunderding diesen Herbst zu
bieten hat.» Nun war es Klüstrow, der verunsichert innehielt. Und
siehe da, auf einmal erklang eine mehrstimmige Bach-Fuge in
vergleichsweise passabler Klangqualität.
«Jaaa,
da staunen Sie! Das war aber noch lange nicht alles, Sie Spaßvogel. Was
darfs denn als nächstes sein? ‹Happy Birthday› vielleicht für die
neue Version? ‹Jingle Bells?›» Grüske hätte später selbst nicht
mehr zu sagen vermocht, was ihn dazu gebracht hatte, sich derart
aggressiv in Rage zu reden.
Als
er sich aber umdrehte, sah er, daß Wenzel Klüstrow längst mit entrücktem
Gesichtsausdruck vor einem anderen grünlich glimmenden Bildschirm
kauerte und endlose Befehlsketten eingab. Grüske-Julius schlich sich,
von akuter Klüstrophobie gepackt, davon – er hatte ganz und gar kein
gutes Gefühl mehr.
Das Seminar zog sich in die Länge.
Als allen klar geworden war, woran «wir ein Gedicht erkennen» (Jochen
hatte inzwischen gelernt, was ein Enjambement war), war Detlef wieder
zum Zug gekommen, der während Wembels verbalen Zaubertricks ins zweite
Glied hatte zurücktreten müssen und etwas verloren herumgestanden
hatte.
«Gut.
Ich fange mal an: Durch und durch.
– Wir sind alle», hier umfaßte Detlef die Gemeinde mit einer
vielsagenden, umschreibenden Geste seines rechten Zeigefingers, «nur
für kurz hier eingefädelt. Da ist eigentlich schon alles drin,
worauf es, wie gesagt, bei Lyrik ankommt: Autor – lyrisches Ich –
Leser. Als zeitweilige Zweck- und Diskursgemeinschaft (nur
für kurz). Dadurch machen
wir das Gedicht, wir sind es.»
Detlef Koenig pausierte, Wembel übernahm.
«Sehr
schön Detlef, vielleicht hat von Euch jemand noch ne Wahrnehmung? Nein?
Ich wollte nur kurz darauf aufmerksam machen, also mir ist aufgegangen,
daß die temporale Deixis im vierten Vers, die geht ja völlig ins
Leere: Dieses seither kann sich höchstens auf den Beginn des Einfädelns beziehen»,
Wembel hielt nachdenklich inne, «aber das ist irgendwie auch wenig
befriedigend …»
«Ja,
aber das kurz, das ja eine
zeitliche Dauer bezeichnet, scheint mir doch der Referenzpunkt zu sein.
Das heißt dann also quasi: ‹seit wir mal kurz hier eingefädelt
waren› – also so seh ich das jedenfalls» – das kam von einer ganz
in Schwarz Gekleideten aus dem Kreis der Wissenden. Wembel gab ihr
sofort recht, er machte keine Anstalten, sich zu verteidigen, was Jochen
doch etwas erstaunte.
«Literatur»,
fuhr Wembel fort, «und ganz besonders die Lyrik sind, das mag sich für
einige hier noch merkwürdig anhören» – der innere Kreis nickte –
«in allererster Linie selbstbezüglich oder autoreferentiell, das heißt,
sie meint eigentlich nur sich selber und nicht irgendwas anderes».
Pause. Jochen runzelte die Stirn. Er fühlte, wie sich Widerspruch in
ihm zu regen begann, ja wie eine Art Empörung in ihm aufstieg. Er hatte
plötzlich das Bedürfnis, die ganze Literatur gegen diesen Angriff in
Schutz zu nehmen, gleichzeitig fühlte er sich aber auch machtlos, noch
zu schwach und wenig gerüstet.
«Man
kann das auch an unserem kleinen Aichinger-Muster sehr schön zeigen: Wir
– am Anfang –, das sind die Kamele
vom Schluß. So weit, so gut. So dreht sich das ganze Gedicht dazwischen
nur um dieses Wir, das man natürlich
schon auch mit einem gewissen Recht auch auf uns Leser beziehen könnte.
Ich behaupte jetzt aber einfach mal, daß das die Wörter selber sind,
die, indem sie das aussprechen – sich selbst aussprechen, das Gedicht,
die Textur, weben. Schauen Sie sich mal eben die typo-graphische Gestalt
des Gedichts an:» – Blättergeraschel – «Das Gewebe – der Text
– der ein- oder aufgefädelten Wörter bildet in abwechselnd langen
und kurzen Stichen (griechisch hò stíchos
– Larissa, korrigier mich bitte – heißt ja auch Verszeile) –
ein Kamel mit zwei Höckern. Und exakt an der topographisch tiefsten
Stelle, im Textloch sozusagen, steht das Öhr.
So, jetzt aber Schluß, jetzt seid ihr dran!»
Detlef
übernahm. «Wir sind alle olle Kamellen», sagte er mit tiefem Ernst
vor sich hin und schwieg. Jochen stutzte. Er glaubte diesmal, wirklich
nicht richtig gehört zu haben.
«Ja,
eben: alle … Kamele», fuhr
Detlef fort, «das Lyrische flackert doch gerade an solchen tektonischen
Randverschiebungen von Sinnflächen und -ebenen auf. Die ollen Kamellen
bilden, wie wir gerade sehr schön vorgeführt bekommen haben, gleichsam
eine Rechtsaußen-Klammer im ersten und im letzten Vers, ja als erstes
und letztes Wort, und umspielen dadurch sehr schön ironisch das Öhr in
der Mitte; gleichzeitig wird dadurch das durch das Kamel aufgerufene
biblische Assoziationsfeld subversiv unterlaufen.»
Wembel
wiegte abwägend sein Haupt hin und her. Aber dann nahm er den Ball doch
auf: «Na, das tut das Kamel in seiner Ambivalenz an dieser Stelle doch
schon so, aber wenn schon, sollte einen vielleicht doch auch das Ohr im
Öhr hell-hörig machen!» schmunzelte er selbstzufrieden.
«Entschuldigung»,
hörte Jochen sich da plötzlich sagen, «das könnte doch auch die
merkwürdige Formulierung ‹jemandem
etwas fernhalten› erklären; man sagt nämlich ‹jemandem sein
Ohr leihen› …»
Na
also, es schien doch gar nicht so schwer zu sein, da mitzureden! Eben
noch erstaunt über seinen eigenen Mut, kam Jochen langsam auf den
Geschmack. Und richtig: Wembel nickte langsam und sah ihm dabei
tiefsinnig direkt in die Augen. Alle Müdigkeit war verflogen, eine
Hitzewelle durchlief Jochen. Gleich doppelte er nach: «Sollten wir
nicht langsam auch mal auf den Titel eingehen? Mir ist nämlich
aufgefallen, daß dieses Durch und
durch ja eine gängige Redensart ist. Und die verweist doch, denke
ich, direkt auf dieses: ‹Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein
Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher ins Reich Gottes komme›, wie es
bei Matthäus heißt –» Jochen hielt einen Moment inne, als fürchtete
er, bei seinem unverhofften Höhenflug plötzlich abzustürzen. Aber die
Strömung riß ihn rechtzeitig wieder aufwärts: «Ja, denn das ganze
Gedicht lebt ja von der Spannung und dem Wechselspiel dieser beiden
Redensarten, die durch das wir
existientiell auf uns Leser bezogen werden: Ist es nicht merkwürdig, daß
dieses wir einerseits eingefädelt
ist – oder zumindest war – und andererseits, seither,
wie es heißt, das Öhr davon ferngehalten wird, das doch die
Voraussetzung des Einfädelns ist?» Jochen merkte, wie es um ihn herum
still geworden war. Wembel sah ihn ermutigend an. «Bei einem Gedicht
– und erst recht bei einem so kurzen», erklärte Jochen sich selbst
und seinen Zuhörern, «kommt es aber auf jedes einzelne Wort an. So könnte
doch das hier im zweiten Vers
unser Verhaftetsein, unser ‹kurzes Eingefädeltsein› – in
Verpflichtungen, Partnerschaften, Seminare, vielleicht im irdischen
Leben überhaupt – meinen, im Gegensatz zu jenem anderen Reich (verkürzend
gesagt), in das DAS Öhr uns
Kamele führen könnte, wenn es nicht von uns ferngehalten würde. Durch
und durch ist also – bei
aller scheinbaren Ähnlichkeit – zweierlei, eine Alternative.»
Jochen
war während seiner Auslegung unwillkürlich aufgestanden. Nun stand er
da, mit geröteten Wangen, alles blickte zu ihm auf, bis er sich zögernd
und von einem plötzlichen Unbehagen ergriffen linkisch setzte.
Effektvoll ertönte genau in diesem Augenblick das erlösende
Klingelzeichen, das das Ende der Sitzung markierte. In dem engen Raum
brach Tumult aus, Wembel erhob sich und versuchte, noch irgendwelche
zeitlichen Ansagen zur nächsten Sitzung durchzugeben und freute sich,
«möglichst viele von euch gleich anschließend im Adelphos noch auf
ein Glas zu treffen». Jochen hörte überhaupt nichts mehr.
Da
war sie. Die Ellbogen auf den Tisch, den braunen Lockenkopf in die Hände
gestützt, sah sie ihn an. Da waren sie. Diese Augen. Tiefschwarze, große
Augen, wie sie nach Jochens Erfahrung nur in Romanen vorkommen. Larissa
lächelte ihn an. – Tat sie das wirklich?
Alles
drängte stolpernd und nach Mappen und Jacken greifend dem Ausgang zu.
Jochen bemühte sich, Larissa nicht aus den Augen zu verlieren: Er hatte
alles genau berechnet, so daß er von der restlichen Kamelherde genau
mit ihr durch die Tür gedrückt werden mußte. Aber soweit kam es
nicht, denn kurz davor wurde wie aus dem Nichts Othmar Asche vor ihn
gespült.
«Ganz
toll, was Du Dir da aus den Fingern gesaugt hast, echt. Wo hast Du denn das Geschwafel gefunden?» bemerkte Othmar herablassend. In diesem
Augenblick verschwand Larissa in der Tür – nein, sie drehte sich noch
einmal kurz um – vielleicht hatte sie den Kommentar hören können,
fuhr es Jochen durch den Kopf, und er ärgerte sich. Othmar steckte sich
eine Zigarette in den Mund. «Das
hier ist ne Camel im Öhr – das wäre wenigstens eine originelle
Bemerkung gewesen!» sagte er. Larissa war weg.
«Mach’s
doch besser», murmelte Jochen abwesend. Unter anderen Umständen hätte
er sich für diese schlichte Antwort ohrfeigen können, jetzt aber sah
er zu, daß er ins Freie kam. Aber Larissa war weg.
Auf
der Treppe zog Jochen tief die kühle Luft ein. Er mochte es gar nicht,
im Mittelpunkt zu stehen, aber diesmal war ihm – der Reaktion der
Mitstudenten nach zu urteilen – wirklich etwas Besonderes gelungen.
Gedankenverloren ging er die Paul-Franck-Straße zur Bushaltestelle
hinunter. Ob es sich lohnte, über Mittag schnell nach Hause zu gehen?
Jochen sah den gelben Bus Nr. 46 um die Ecke biegen. Zu spät. Er blieb
kurz stehen, drehte sich um und ging entschlossen auf das bunt geschmückte
Lokal mit der neongelben Aufschrift «Adelphos» zu.
Mit
einiger Kraftanstrengung drückte Jochen die schwere Glastüre nach
innen, die im selben Moment ein lautes Klingeln wie von einer
Schulhausglocke auslöste. Jochen sah sich in dem kitschig-chaotisch
nach dem Vorbild eines Themenparks eingerichteten Lokal suchend um, bis
er endlich in einer hinteren Ecke des Restaurants bekannte Gesichter
erblickte. Der ganze innere Kreis hatte sich um einige zusammengerückte
Tische in einer schummrig beleuchteten, grottenartigen Apsis unter der
Überschrift «Olympia» geschart, Wembel in der Mitte, daneben – natürlich
– Detlef. Ein paar andere Studenten – offensichtlich zum ersten Mal
dabei – saßen etwas unsicher am Rand.
«Aha,
unser Neuer», sagte Wembel freundlich, der ihn offenbar die ganze Zeit
über seine Brillengläser hinweg beobachtet hatte, und einige Gesichter
drehten sich nach Jochen um. Nun lief er schon wieder Gefahr, in den
Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu geraten. «Schön, daß du doch noch
gekommen bist. Setz dich doch zu uns. Wir rücken alle ein bißchen
zusammen, ja?»
Schon
während des Seminars war Jochen aufgefallen, daß Wembel einige
Teilnehmer duzte, andere wiederum siezte, und er hatte sich gefragt, ob
dem wohl ein System zugrunde liege. Durfte er diese ihm spontan
unangenehme Anrede als Sympathiebekundung, ja etwa gar als Einladung in
den Inneren Kreis werten?
Jochen
war bei der Vorstellung, noch mehr Zeit in dieser Runde verbringen zu müssen,
plötzlich unwohl. «Äh, ich wollte eigentlich nur schnell …»
stammelte er, nach einer Ausrede suchend, «sagen, daß ich
wahrscheinlich nächstes Mal nicht kommen kann.» Scheiße. Was war das
jetzt? «Schon in Ordnung. Schön, daß du noch reingeschaut hast»,
meinte Wembel. Und er lächelte. – Das war ja ganz einfach gewesen,
und doch mußte sich Jochen eine leise Enttäuschung darüber
eingestehen, daß man ihn so einfach hatte gehen lassen. Er murmelte
noch einen Gruß und drehte sich um. Als er wieder an der Theke
vorbeiging, stellte sich ihm ein kleinwüchsiger Kellner in den Weg. «Suche
Sie ein Tisch? Habe Sie reserviert?» Jochen verneinte mit gequältem Lächeln.
«Ah,
da bist du ja», sagte da jemand von rechts. «Wir gehören zusammen.
Also, das heißt, er sitzt hier bei mir.» Mit ihren großen Augen lächelte
ihn die Unbekannte aus dem Seminar an – Larissa. Jochen spürte, wie
ihm das Blut in den Kopf schoß.
Der
Kellner zwängte sich ungeduldig vorbei. Dann drehte er sich aber gleich
wieder um: Ihre langen dunkelbraunen Locken sprangen lustig um ein schön
gerundetes, offenes Gesicht. Die warmen, klaren Augen waren von
lebendiger Ausdrucksfähigkeit. Sie spiegelten Fröhlichkeit oder
Traurigkeit, Nachdenken oder Ausgelassenheit – und stets strahlten sie
eine wache, heitere Ruhe aus und wirkten auf das Gegenüber beinahe
unausweichlich einnehmend.
«Komm
setz dich.» Sie war von ihrem Zweiertisch, der etwas abseits in der «Mykene»-Nische
stand, aufgestanden, und ließ Jochen Platz nehmen. Die Wände waren von
großformatigen Plakaten bedeckt, wie sie sonst in Reisebüros hängen.
Auf dem über Larissas Tisch war das Löwentor im Abendlicht abgebildet.
«Du
wolltest doch nicht schon wieder gehen?»
Jochen
log: «Nein, nein, ich habe nur schnell dem Wembel noch was sagen müssen.
– Und dir, haben sie dir etwa keinen Zutritt zum engeren Kreis gewährt?»
«Ach
laß, ignorier sie einfach. Möchtest Du Dir was bestellen, das geht
schnell hier. Oder warte, nimm doch das hier, das ist ausgezeichnet»
– Larissa, sie schien sich ihrer Wirkung durchaus bewußt zu sein,
drehte sich nach dem Kellner um – «noch einmal dasselbe: einen
griechischen Salat, ja? und ein Souvlaki. Was trinkst du?» – «Das
gleiche wie du.» – «Also, noch ein Glas Wein, bitte.»
Jochen
schluckte. Das Tempo war er nicht gewohnt. Er merkte, daß er seinen
Mantel noch gar nicht ausgezogen hatte. Umständlich schälte er sich
aus den Ärmeln und legte den Mantel auf seine hirschlederne Mappe, die
er auf den Stuhl neben sich gelegt hatte. Sie saßen sich einen Moment
lang gegenüber, ohne etwas zu sagen. Jochen spürte deutlich, wie sein
Puls in den Schläfen schlug.
«Man
muß hier ziemlich laut reden, damit man überhaupt etwas versteht»,
sagte er schließlich.
«Ja,
ich versteh dich aber trotzdem», lachte sein Gegenüber. Es war ein
bestrickendes, sonniges Lachen. «Ich heiße jedenfalls Larissa, und wer
bist du?»
«Entschuldige.
Jochen. Jochen Bauer. Ich studiere Germanistik, Musikwissenschaft und
alte Sprachen, also Latein und Griechisch.» Der Kellner brachte das
Essen und stellte ein Glas Weißwein so schwungvoll daneben, daß etwas
davon überschwappte.
«Das
war heute übrigens mein erstes Seminar bei Wembel», setzte Jochen neu
an. Er versuchte, seine Nervosität abzustreifen, indem er etwas lauter
sprach und energisch zum Salzstreuer griff, der eine Miniaturausgabe der
Akropolis darstellte. «Entschuldige, eine schlechte Gewohnheit von mir»,
sagte er beinahe fröhlich und streute eine beachtliche Menge Salz über
die Salatblätter.
«Dafür
brauchst du dich doch nicht zu entschuldigen!. – Das hätte man übrigens
nicht gedacht, du hast ja wie ein alter Hase mitdiskutiert vorhin. Das
machen sonst nur alte Hasen – du weißt ja, was ich meine.» Sie
lachte. War sie etwa auch nervös? Jochen beobachtete, wie Larissas schöne
Hand zitterte, als sie nach dem Weinglas griff. «Aber eigentlich sind
diese komischen Seminar-Hasen doch alle gleich theoriegrau! Ich glaube,
ich wäre noch erstickt, wenn Du uns nicht Luft gemacht hättest.»
Es
gibt weniges, was als so beglückend erlebt werden kann wie die
Erfahrung, auf einen anderen Menschen zu stoßen, den zu treffen man
niemals erwartet, ja nicht mehr zu hoffen gewagt hat, dessen Ansichten
und Einsichten, dessen Gedanken, Gefühle und Sehnsüchte einem wie das
Spiegelbild der eigenen erscheinen müßten, wären sie nicht ganz und
gar durchdrungen vom Allereigensten, Unwiederholbaren dieses in jeder
Hinsicht ganz Anderen, Unbekannten und doch so schlagartig Vertrauten.
Es läßt sich hinterher nicht mehr sagen, wer den ersten Ball geworfen,
wer ihn zurückgegeben hat, nur eines spürt man immer stärker: wie
einen dieser sich auf jedem Weg verstärkende Wechselstrom auf immer höheren
Wellen nach oben schaukelt, bis man gemeinsam auf dem Olymp ankommt, wo
doch die geistige Klarheit nicht im geringsten getrübt wird, nein, nur noch
an Schärfe und Strahlkraft gewinnt. Beinahe störend erlebt man nun,
was einem sonst vielleicht einmal im Leben nur auffällt: wie beschränkt,
wie einschränkend, wie linear und vor allem – wie langsam doch die
Sprache ist angesichts der Überfülle der längst sich verstehenden
Gedanken und Gefühle. Immer hinken die Worte den sie erst erzeugenden
Gedanken hinterher, die sie in solch überbordender Fülle zugleich überrollen,
daß sie, die heillos Zurückgebliebenen, in ihrem strengen Gänsemarsch
unweigerlich über einander zu stolpern beginnen. Und das ist nur die
eine Seite. Auf diesen Strom trifft von der anderen Seite ein gänzlich
anders gefärbter – gemeinsam erheben sie sich in ein überschäumendes
Sprudeln, dessen Farbe in einem ganz neuen Ton gleißt, in dem die
beiden ursprünglichen aufgehoben sind. Und über allem spannt sich –
in diesem seltensten der seltenen Fälle – der Himmel der
Verliebtheit.
Plötzlich
stand sie.
«Also dann, mach’s gut!» strahlte sie ihn an – und war weg. Mit Henning Wembel. Über den war man sich auf dem Olymp eben noch völlig einig gewesen, und nun das: Wembel hatte wohl den gleichen Heimweg wie Larissa, oder so ähnlich. Konnte das denn wahr sein? Jochen war ratlos …
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