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II

   

Wir sind alle
nur für kurz hier eingefädelt,
aber das Öhr
hält man uns seither fern,
uns Kamelen.

Ilse Aichinger, «Durch und durch» (1978)

 

«W

ieviel Points bringt das Seminar hier eigentlich?»

«Weiß nicht, Othmar, fünf oder so – aber ich komm eh wegen dem Typ, dem Wembel geb ich mit Sicherheit volle zehn Punkte!»

«Da bist Du nicht alleine. Mit Lyrik hatte ich bisher überhaupt nichts am Hut, aber ich habe gehört, daß der das wohl ganz toll rüberbringt.»

Der Raum war bis auf den letzten Platz besetzt, sogar auf dem Fußboden, den Wänden entlang und auf den Fensterbänken drängten sich die wirrr durcheinander diskutierenden Studenten. Für die meisten war es das erste Hauptseminar, die Spannung war entsprechend groß. An den Tischen, die ein langes Rechteck in der Mitte bildeten, saß die altgediente Elite, die das Treiben der Nachkommenden mit Dulderblick ignorierte. Die Luft war schon vor Beginn der Veranstaltung ziemlich verbraucht, die Fenster in dem überheizten Seminarraum beschlagen.

Alle Blicke richteten sich nach vorn, als ein mittelgroßer, auf die Fünfzig zugehender Mann sich an der vorderen Stirnseite des Tischrechtecks erhob, um sich Gehör zu verschaffen – keiner hatte gemerkt, wie er hereingekommen war. Henning Wembel. Der Wembel.

Jochen Bauer, der zu den Neuzugängen zählte, hatte ihn sich aufgrund der Mythen, Legenden und Schmähreden derer, die ihn bereits kannten, ganz anders vorgestellt. Schlanker irgendwie; schneidiger und kurzhaariger. Und diese Stimme, die man kaum hörte – doch, jetzt wurde es ruhiger:

«Hallo», sagte Wembel und ließ das O sanft ausklingen. Kurze Pause. «Hallo, ich bin der Henning Wembel, ihr kennt mich ja teilweise schon.» Wembel blickte in scheinbarer Schüchternheit vor sich hin und blätterte dabei gedankenverloren in seinen Unterlagen.

«Unser Thema ist ja die Aichinger, also Lyrik» – Wembel sagte Lüühryck. «Ich verstehe gut, wenn das jetzt nicht allen was sagt. Das ändert sich dann schon im Laufe des Semesters. Wenn vielleicht jeder von euch was mitnehmen kann, so ein, zwei Gedichte aus dem Reader, den ich eben mal rumgehen lasse – danke, Larissa –, dann glaub ich schon, daß wir da zusammen was ganz Gutes hinkriegen können.»

Jochen berührte die seltsame Mischung aus betonter Zurückhaltung und dem fast schon sakralen Gestus des Lauschens, den das aufreizend leise Sprechen des Professors provozierte, sehr merkwürdig. Irritiert beobachtete er, wie der innere Kreis in erwartungsvoller Ruhe zuhörte – sie schienen das alles natürlich zu kennen, es aber doch für angebracht zu halten, daß es für die anderen noch einmal gesagt werden mußte –, während das Gros der Anfänger bereits jetzt eifrig mitschrieb. Er wandte sich kurz um und fragte sich, ob er irgendetwas falsch machte oder etwas verpaßt hatte und kramte nach einem Stift.

«Ich finde es ja, offengestanden, eine denkbar ungünstige Zeit, schon um zehn eß tee anzufangen. Das ist ja echt ’n Witz. Ich würde mal vorschlagen, wir verschieben das Ganze auf den Abend, wenn ihr einverstanden seid – aber bitte sagt das doch nicht gleich dem Gresewitz, das muß nicht sein, ja?» Wembel hatte eine kaum merkliche Pause zwischen Grese- und -witz eingelegt, so daß ein halberlöstes, aber gleich wieder zurückgenommenes Auflachen die Gemeinschaft ein erstes Mal verständnisinnig verband.

«Wie wär´s denn, wenn wir wieder eine Blockveranstaltung machen würden. Das war doch letzten Sommer mit Celan in Paris ganz ertragreich», fragte eine gedrungene, unauffällige Studentin mit verbindlichem Lächeln. Jochen fiel das merkwürdige Echo auf, das Wembels Tonfall in diesem Mädchen fand.

«Du, Monika, da wäre ich an sich sofort dabei. Nur scheint mir das bei der Aichinger ein bissel schwieriger, in spannende Gegenden zu fahren – na ja, gut, Wien ist schon auch ganz schön im Winter, aber wir könnten den Block natürlich auch hier machen.» Dieser Vorschlag schien keine begeisterte Aufnahme zu finden, wie Jochen feststellte. An allen Ecken begannen Flüsterdiskussionen, denen Wembel aber routiniert ein Ende setzte:

«Okee, wir können das ja hinterher im Adelphos noch zu Ende besprechen – das ist so eine liebgewonnene Tradition im Anschluß an die Sitzungen, was Kleines zu Mittag oder so» – kurzer Blick in den inneren Kreis – «jetzt sollten wir, denke ich, doch mal gleich in medias res gehen. Detlef, Du hast uns da ja, glaube ich, für heute was für den Einstieg vorbereitet.»

Anfangs versuchte Jochen noch festzuhalten, was nun kam. Detlef, wohl über Dreißig, eher unscheinbar, durchaus sympathisch, las monoton einen – so mußte Jochen trotz allem annehmen – selbstgeschaffenen Text ab. Es ging um Ilse Aichinger, das schien klar zu sein. Alles andere hätte Jochen bereits zehn Minuten später nicht wiederzugeben vermocht. Er überflog seine Notizen mit den Fetzen dessen, was ihm mitzuschreiben gelungen war:

«… die Grenze, an die die Lyrik uns allererst bringt, ist der Körper. Er beginnt, wo die Sprache aufhört …» – «… unsere Aufgabe kann nur darin bestehen, diese Einschreibungen zu dechiffrieren. – Wobei freilich unsere hermeneutischen Ergebnisse immer nur Fragmente einer letztlich utopischen Sinnstiftung sein können.» Der Eindruck, hier einiges zu verpassen, wurde Jochen mählich zur Gewißheit. Noch war er sich allerdings nicht im klaren darüber, woran das lag. Der Referent reichte plötzlich zwei Stöße Photokopien ­herum. Jochen hatte jetzt verstanden, daß Detlef seine Ausführungen an einem Gedicht «festmachen» wollte.

Detlef setzte zu seinen Erläuterungen an, da unterbrach ihn Wembel mit sanftem kollegialem Nachdruck – ihm schien aufgegangen zu sein, daß hier über einige Köpfe hinweggesprochen worden war: «Halt mal noch kurz. – Woran» (Blick in den äußeren Kreis) «erkennen wir eigentlich, daß das ein Gedicht ist?»

Erstaunt sah sich Jochen – und mit ihm die meisten Mitanfänger – das Blatt noch einmal näher an; er hatte die fünf Zeilen kurz durchgelesen und nichts Besonderes dabei gefunden – auch der Zusammenhang mit Detlefs Redeschwall war ihm im übrigen völlig abgegangen. Einige unerträgliche Minuten lang herrschte peinliches Schweigen. Die Kenner schienen sich bewußt zurückzuhalten.

«Ich weiß ja nicht», traute sich eine Rotbackige vor, «vielleicht weil es so kurz ist?»

«Jaaa, mhm. Gut, aber überlegen Sie mal: Ein Kurzinserat könnte noch viel kürzer sein – aber ist es deswegen auch schon ein Gedicht?» Ein erstauntes Raunen wurde hörbar.

«Wenn es allein auf einer leeren Seite gedruckt steht, könnte das heute schon sein, oder?» meinte ein Witzbold herausfordernd.

«Bingo», sagte Wembel ungerührt mit seinem legendären Schluß-O. «Ganz richtig: Ein Gedicht erkennen wir unter anderem daran, daß viel Weiß drumrumsteht. Aber das könnte notfalls auch bei einem Inserat noch der Fall sein. Ja, weiter?»

Plötzlich rief einer übereifrig: «Ja, aber die Zeilen!»

 

 

Die klassische Frau-Frau hat vor Jahrzehnten einmal ein Studium (vorzugsweise der Soziologie oder doch wenigstens Sozialpädagogik) abgebrochen, um vorübergehend eine Freundin im benachbarten Frauenbuchladen zu vertreten. Daraus wurden Jahre, die meist noch heute andauern. Heute kann sie in den allerverschiedensten «Zusammenhängen» angetroffen werden – mit der klassischen Feministin, der Ökofrau, der Selbstverwirklicherin, der Bücherfrau oder der Toscana-Töpferin ist sie lediglich partiell deckungsgleich. Je älter sie wird, desto unaufhaltsamer wird sie zur zweifelsfrei bestimmbaren Frau-Frau. Ihrer Stimme fehlt die Schärfe der Neuemanzipierten – das haben wir längst hinter uns. Ihrer Stimme fehlt es aber auch an Wärme und Weichheit – das hat man uns genommen. Spöttischer Vorwurf und bornierte Betroffenheit treffen sich in einer habituell-penetranten Gereiztheit. Hals und Ohren zieren großformatige, gern an Formen und Stoffe der Natur erinnernde Schmuckstücke, welche einerseits die Zuordnung zum Typus der Frau-Frau erleichtern, letztere andererseits aber durchaus zieren, wenn auch unter Vermeidung von Erscheinungsweisen, die gemeinhin undifferenziert als «weiblich» betrachtet werden. Unter der wahlweise hennaroten oder aber graumelierten stacheligen Kurzhaarfrisur mit obligatorischen, nach unten spitz zulaufenden Koteletten (so nennt man sie jedenfalls bei Männern) erhebt sich nicht minder spitz ein bizarres, asymmetrisches Kunstwerk aus diesmal eher naturfremden Stoffen wie Glas, Aluminium, Titan, ja: Kunststoff, über das – wiewohl es den Durchblick erleichtern soll – gerne hinweggeblickt wird. Zum Essen bestellt die Frau-Frau unbedingt eine Weißwein-Schorle mit einem Extraschuß Mineralwasser.

Jenny Klepzik jedenfalls war eine Frau-Frau. Probleme mit Männern kannte sie nicht – sie ließen sie zum Glück mehr oder weniger kalt. Sie hatte sich in ihren früheren Jahren so ausführlich mit allerlei Geschlechterkonstruktionen herumschlagen müssen, daß es ihr inzwischen völlig gleichgültig war, ob es so etwas wie Geschlechter (welcher Art auch immer) überhaupt gab – und mancher ihrer zahlreichen Bekannten hatte sich insgeheim schon einmal bei dem Gedanken ertappt, daß das zumindest in ihrem eigenen Fall durchaus fraglich erschien. Sogar eine eigene Buchhandlung hatte Jenny Klepzik, mit stark vertretenem Frauen-Sortiment.

In diese gut eingeführte Buchhandlung mit dem Namen «UraNuss», die dank ihrer zentralen Lage an der Mörike-Allee gleichzeitig als Universitätsbuchhandlung fungierte, trat kurz vor elf an jenem Dienstagvormittag schwungvoll Doktor Jens Claassen. Jenny Klepzik wollte den Kommissions-Kollegen mit einem fast einladenden Lächeln begrüßen, der aber machte keinerlei Anstalten, sie zu erkennen.

«Tag. Vielleicht können Sie mir helfen, Fräulein.» Frau Klepzik war sprachlos.

«Ich such da was für meine kleine Freundin, wissen Sie, so einen romantischen Schmöker, zum Geburtstag. Was von der Cartland oder was in der Richtung.»

«So, so, eine ‹kleine Freundin› haben Sie also», und dann betonte sie spitz jede Silbe, «Herr Dok-tor Claa-ssen!»

Claassen blickte irritiert auf: «Ach ja, wir kennen uns wohl, ja?» und lächelte versuchsweise versöhnlich.

«Tja, das tun wir wohl, nicht? Aber für den Geschmack sind Sie hier, fürchte ich, nicht ganz richtig. Aber Augenblick mal, da war doch kürzlich dieses Seminar über Trivialliteratur, ich glaube fast, ich habe da noch so einen Nackenbeißer.» Claassen schien nicht zu verstehen. Jenny Klepzik reichte ihm einen dicken Taschenbuchband, auf dessen goldbeschriftetem Umschlagbild sich ein langhaariger Hüne mit entblößter Kämpferbrust vor exotischer Urwaldkulisse über eine holde Schönheit mit verrutschtem Ballkleid beugte, als wollte er ihr sogleich sein gesundes Gebiß in den elfenbeinfarbenen Hals schlagen.

Und nun geschah das Unfaßbare: Der schöne Doktor schien vollauf zufrieden. Die Buchhändlerin wartete noch einige Sekunden, ob ihre Rache nicht doch noch einschlüge – aber nein, seine Züge verklärten sich geradezu, und mit den Worten «Vielen Dank, guter Service hier!» bezahlte er und war verschwunden, ohne zu erfahren, woher er Jenny Klepzik kannte. Aber er sollte sie noch kennen lernen …

 

 

Am Ende eines schlecht beleuchteten Ganges im ersten Untergeschoß des Instituts für Germanistik bereitete Professor Wenzel Klüstrow eine Überraschung vor. Hier war sein Reich. Seit Jahrzehnten. Und seit Jahren hatte sich – abgesehen von vereinzelten skurril veranlagten Studenten – niemand mehr hierher verlaufen («Klüstrophobie» war der gängige institutsinterne Ausdruck für die Gefühle, die einem das Interieur hinter der Panzertür mit der Aufschrift «BELLTEV – Prof. W. Klüstrow» mit dem handschriftlich hinzugekritzelten Zusatz «Entwicklungszentrum» einflößte).

Klüstrow hatte ohne Zwischenfälle alles vorbereitet, als der Gast, den er in freudiger Erregung erwartete, auch schon am anderen Ende des Ganges zielstrebig um die Ecke bog. Als erstes befremdete Peter Grüske-Julius der eigentümliche Geruch, dessen Zusammensetzung er schwer zu beschreiben vermocht hätte.

«Ich hab ein gutes Gefühl!» begrüßte Klüstrow den IKS-Mäzen mit seiner Standardwendung, in die er die verschiedensten Ausdrucksnuancen zu legen wußte. Meist betonte er exaltiert das vorletzte Wort, unterstrichen durch eine beinahe hüpfende, auftrumpfende Bewegung, die Hand, Kopf und Bein einschloß. Obwohl er vor Klüstrows Eigenheiten hinreichend hätte gewarnt sein sollen, wich Grüske vor soviel Begeisterung beinahe unwillkürlich zurück.

«Na, dann führen Sie mich doch bitte mal in Ihr Allerheiligstes!» Grüske bemühte sich um einen möglichst unverbindlich-jovialen Tonfall.

Klüstrow ließ sich nicht zweimal bitten. Mit leicht gebeugtem Rücken, eingezogenem Kopf und angelegten Ellbogen tänzelte er voraus und führte das Opfer in seine Höhle.

Grüske sollte als Elektronik-Experte für die interimistische IKS-Leitung prüfen, ob der konstengünstige Einsatz des Klüstrowschen Systems einer teuren Neuanschaffung für das junge Institut vorzuziehen sei. Sein Vorwissen beschränkte sich darauf, was man früher oder später unvermeidlich erfuhr, wenn man mit den Mitarbeitern des Germanistischen Instituts näheren Umgang pflegte: Das System BELLTEV erlaubte die datentechnische Bearbeitung umfangreicher wissenschaftlicher Editionen einschließlich verschiedener textkritischer Apparate, Register und Anhänge. Jeder Vergleich zu gängigen Textverarbeitungsprogrammen war, soviel hatte Grüske verstanden, tabu. BELLTEV – die Abkürzung stand schlicht für «Bellnauer Textverarbeitungssystem 1961» – war nicht mehr und nicht weniger als Klüstrows Lebenswerk und hatte ihn Hunderte von Überstunden, drei Dioptrien und eine Ehefrau gekostet. Der Ingenieur Grüke, trotz seiner Überzeugung dem Mythos gegenüber nicht ganz immun, konnte jedoch eine gewisse Enttäuschung nicht verhehlen, als er auf den antiquierten, in flimmernden Grün-Pixeln leuchtenden Bildschirm blickte, der, schwer erkennbar, über sieben Zeilen hinweg den aus einzelnen Buchstaben zusammengesetzten Schriftzug «BELLTEV» zeigte. Grüske war einigermaßen hilflos und setzte versuchsweise eine interessierte Miene auf.

«So. Und jetzt kommt’s – Achtung!» Klüstrow rieb sich die Hände. «Jetzt dürfen Sie mal ganz vorsichtig die Wagenrücklauftaste betätigen – aber vorsichtig, wenn ich bitten darf!»

Grüske tat, wie er geheißen wurde, und verfolgte, was sich tat: Langsam begann der Schriftzug zu blinken und unter hörbarer Schwerarbeit der Maschine erschienen die Worte «Herzlich willkommen zu dieser Sitzung! Wollen Sie Musik hören – 01!». Klüstrow war nicht mehr zu halten.

«Tja, jetzt wissen Sie nicht mehr weiter, Herr Fachmann, was? Aber ich verrate es Ihnen!» Mit spitzen Fingern tippte Klüstrow eigenhändig die Ziffernfolge 0-1 ein und gab dann in einer hektischen Rückzugsbewegung den Blick auf den Bildschirm frei – obwohl dort alles blieb, wie es war. Etwas anderes geschah allerdings. Zaghaft und dünn erklangen abgehackte elektronische Staccato-Signaltöne, deren Abfolge – einige Toleranz und Musikalität vorausgesetzt – von ferne an Beethovens «Für Elise» erinnerte. Grüske starrte stumpf vor sich hin und erwog seinerseits Rückzugsstrategien, aber er wußte nicht, wie er es anfangen sollte.

«Das ist also das Neueste, was wir» – Klüstrow wählte wohl den Plural, um über sein Einzelgängertum im «Entwicklungszentrum» hinwegzutäuschen – «in der diesjährigen Herbstversion zu bieten haben. Eine willkommene kleine Aufheiterung. Ich muß sagen, ich hab ein gutes Gefühl!»

Grüske-Julius ritt der Teufel. Er griff in seine Tasche und praktizierte eines seiner Mobiltelefone hervor. «Jetzt passen Sie mal auf, Kollege, was dieses kleine Wunderding diesen Herbst zu bieten hat.» Nun war es Klüstrow, der verunsichert innehielt. Und siehe da, auf einmal erklang eine mehrstimmige Bach-Fuge in vergleichsweise passabler Klangqualität.

«Jaaa, da staunen Sie! Das war aber noch lange nicht alles, Sie Spaßvogel. Was darfs denn als nächstes sein? ‹Happy Birthday› vielleicht für die neue Version? ‹Jingle Bells?›» Grüske hätte später selbst nicht mehr zu sagen vermocht, was ihn dazu gebracht hatte, sich derart aggressiv in Rage zu reden.

Als er sich aber umdrehte, sah er, daß Wenzel Klüstrow längst mit entrücktem Gesichtsausdruck vor einem anderen grünlich glimmenden Bildschirm kauerte und endlose Befehlsketten eingab. Grüske-Julius schlich sich, von akuter Klüstrophobie gepackt, davon – er hatte ganz und gar kein gutes Gefühl mehr.

 

 

Das Seminar zog sich in die Länge. Als allen klar geworden war, woran «wir ein Gedicht erkennen» (Jochen hatte inzwischen gelernt, was ein Enjambement war), war Detlef wieder zum Zug gekommen, der während Wembels verbalen Zaubertricks ins zweite Glied hatte zurücktreten müssen und etwas verloren herumgestanden hatte.

«Gut. Ich fange mal an: Durch und durch. – Wir sind alle», hier umfaßte Detlef die Gemeinde mit einer vielsagenden, umschreibenden Geste seines rechten Zeigefingers, «nur für kurz hier eingefädelt. Da ist eigentlich schon alles drin, worauf es, wie gesagt, bei Lyrik ankommt: Autor – lyrisches Ich – Leser. Als zeitweilige Zweck- und Diskursgemeinschaft (nur für kurz). Dadurch machen wir das Gedicht, wir sind es.» Detlef Koenig pausierte, Wembel übernahm.

«Sehr schön Detlef, vielleicht hat von Euch jemand noch ne Wahrnehmung? Nein? Ich wollte nur kurz darauf aufmerksam machen, also mir ist aufgegangen, daß die temporale Deixis im vierten Vers, die geht ja völlig ins Leere: Dieses seither kann sich höchstens auf den Beginn des Einfädelns beziehen», Wembel hielt nachdenklich inne, «aber das ist irgendwie auch wenig befriedigend …»

«Ja, aber das kurz, das ja eine zeitliche Dauer bezeichnet, scheint mir doch der Referenzpunkt zu sein. Das heißt dann also quasi: ‹seit wir mal kurz hier eingefädelt waren› – also so seh ich das jedenfalls» – das kam von einer ganz in Schwarz Gekleideten aus dem Kreis der Wissenden. Wembel gab ihr sofort recht, er machte keine Anstalten, sich zu verteidigen, was Jochen doch etwas erstaunte.

«Literatur», fuhr Wembel fort, «und ganz besonders die Lyrik sind, das mag sich für einige hier noch merkwürdig anhören» – der innere Kreis nickte – «in allererster Linie selbstbezüglich oder autoreferentiell, das heißt, sie meint eigentlich nur sich selber und nicht irgendwas anderes». Pause. Jochen runzelte die Stirn. Er fühlte, wie sich Widerspruch in ihm zu regen begann, ja wie eine Art Empörung in ihm aufstieg. Er hatte plötzlich das Bedürfnis, die ganze Literatur gegen diesen Angriff in Schutz zu nehmen, gleichzeitig fühlte er sich aber auch machtlos, noch zu schwach und wenig gerüstet.

«Man kann das auch an unserem kleinen Aichinger-Muster sehr schön zeigen: Wir – am Anfang –, das sind die Kamele vom Schluß. So weit, so gut. So dreht sich das ganze Gedicht dazwischen nur um dieses Wir, das man natürlich schon auch mit einem gewissen Recht auch auf uns Leser beziehen könnte. Ich behaupte jetzt aber einfach mal, daß das die Wörter selber sind, die, indem sie das aussprechen – sich selbst aussprechen, das Gedicht, die Textur, weben. Schauen Sie sich mal eben die typo-graphische Gestalt des Gedichts an:» – Blättergeraschel – «Das Gewebe – der Text – der ein- oder aufgefädelten Wörter bildet in abwechselnd langen und kurzen Stichen (griechisch hò stíchos – Larissa, korrigier mich bitte – heißt ja auch Verszeile) – ein Kamel mit zwei Höckern. Und exakt an der topographisch tiefsten Stelle, im Textloch sozusagen, steht das Öhr. So, jetzt aber Schluß, jetzt seid ihr dran!»

Detlef übernahm. «Wir sind alle olle Kamellen», sagte er mit tiefem Ernst vor sich hin und schwieg. Jochen stutzte. Er glaubte diesmal, wirklich nicht richtig gehört zu haben.

«Ja, eben: alle … Kamele», fuhr Detlef fort, «das Lyrische flackert doch gerade an solchen tektonischen Randverschiebungen von Sinnflächen und -ebenen auf. Die ollen Kamellen bilden, wie wir gerade sehr schön vorgeführt bekommen haben, gleichsam eine Rechtsaußen-Klammer im ersten und im letzten Vers, ja als erstes und letztes Wort, und umspielen dadurch sehr schön ironisch das Öhr in der Mitte; gleichzeitig wird dadurch das durch das Kamel aufgerufene biblische Assoziationsfeld subversiv unterlaufen.»

Wembel wiegte abwägend sein Haupt hin und her. Aber dann nahm er den Ball doch auf: «Na, das tut das Kamel in seiner Ambivalenz an dieser Stelle doch schon so, aber wenn schon, sollte einen vielleicht doch auch das Ohr im Öhr hell-hörig machen!» schmunzelte er selbstzufrieden.

«Entschuldigung», hörte Jochen sich da plötzlich sagen, «das könnte doch auch die merkwürdige Formulierung ‹jemandem etwas fernhalten› erklären; man sagt nämlich ‹jemandem sein Ohr leihen› …»

Na also, es schien doch gar nicht so schwer zu sein, da mitzureden! Eben noch erstaunt über seinen eigenen Mut, kam Jochen langsam auf den Geschmack. Und richtig: Wembel nickte langsam und sah ihm dabei tiefsinnig direkt in die Augen. Alle Müdigkeit war verflogen, eine Hitzewelle durchlief Jochen. Gleich doppelte er nach: «Sollten wir nicht langsam auch mal auf den Titel eingehen? Mir ist nämlich aufgefallen, daß dieses Durch und durch ja eine gängige Redensart ist. Und die verweist doch, denke ich, direkt auf dieses: ‹Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher ins Reich Gottes komme›, wie es bei Matthäus heißt –» Jochen hielt einen Moment inne, als fürchtete er, bei seinem unverhofften Höhenflug plötzlich abzustürzen. Aber die Strömung riß ihn rechtzeitig wieder aufwärts: «Ja, denn das ganze Gedicht lebt ja von der Spannung und dem Wechselspiel dieser beiden Redensarten, die durch das wir existientiell auf uns Leser bezogen werden: Ist es nicht merkwürdig, daß dieses wir einerseits eingefädelt ist – oder zumindest war – und andererseits, seither, wie es heißt, das Öhr davon ferngehalten wird, das doch die Voraussetzung des Einfädelns ist?» Jochen merkte, wie es um ihn herum still geworden war. Wembel sah ihn ermutigend an. «Bei einem Gedicht – und erst recht bei einem so kurzen», erklärte Jochen sich selbst und seinen Zuhörern, «kommt es aber auf jedes einzelne Wort an. So könnte doch das hier im zweiten Vers unser Verhaftetsein, unser ‹kurzes Eingefädeltsein› – in Verpflichtungen, Partnerschaften, Seminare, vielleicht im irdischen Leben überhaupt – meinen, im Gegensatz zu jenem anderen Reich (verkürzend gesagt), in das DAS Öhr uns Kamele führen könnte, wenn es nicht von uns ferngehalten würde. Durch und durch ist also – bei aller scheinbaren Ähnlichkeit – zweierlei, eine Alternative.»

Jochen war während seiner Auslegung unwillkürlich aufgestanden. Nun stand er da, mit geröteten Wangen, alles blickte zu ihm auf, bis er sich zögernd und von einem plötzlichen Unbehagen ergriffen linkisch setzte. Effektvoll ertönte genau in diesem Augenblick das erlösende Klingelzeichen, das das Ende der Sitzung markierte. In dem engen Raum brach Tumult aus, Wembel erhob sich und versuchte, noch irgendwelche zeitlichen Ansagen zur nächsten Sitzung durchzugeben und freute sich, «möglichst viele von euch gleich anschließend im Adelphos noch auf ein Glas zu treffen». Jochen hörte überhaupt nichts mehr.

Da war sie. Die Ellbogen auf den Tisch, den braunen Lockenkopf in die Hände gestützt, sah sie ihn an. Da waren sie. Diese Augen. Tiefschwarze, große Augen, wie sie nach Jochens Erfahrung nur in Romanen vorkommen. Larissa lächelte ihn an. – Tat sie das wirklich?

Alles drängte stolpernd und nach Mappen und Jacken greifend dem Ausgang zu. Jochen bemühte sich, Larissa nicht aus den Augen zu verlieren: Er hatte alles genau berechnet, so daß er von der restlichen Kamelherde genau mit ihr durch die Tür gedrückt werden mußte. Aber soweit kam es nicht, denn kurz davor wurde wie aus dem Nichts Othmar Asche vor ihn gespült.

«Ganz toll, was Du Dir da aus den Fingern gesaugt hast, echt. Wo hast Du denn das Geschwafel gefunden?» bemerkte Othmar herablassend. In diesem Augenblick verschwand Larissa in der Tür – nein, sie drehte sich noch einmal kurz um – vielleicht hatte sie den Kommentar hören können, fuhr es Jochen durch den Kopf, und er ärgerte sich. Othmar steckte sich eine Zigarette in den Mund. «Das hier ist ne Camel im Öhr – das wäre wenigstens eine originelle Bemerkung gewesen!» sagte er. Larissa war weg.

«Mach’s doch besser», murmelte Jochen abwesend. Unter anderen Umständen hätte er sich für diese schlichte Antwort ohrfeigen können, jetzt aber sah er zu, daß er ins Freie kam. Aber Larissa war weg.

Auf der Treppe zog Jochen tief die kühle Luft ein. Er mochte es gar nicht, im Mittelpunkt zu stehen, aber diesmal war ihm – der Reaktion der Mitstudenten nach zu urteilen – wirklich etwas Besonderes gelungen. Gedankenverloren ging er die Paul-Franck-Straße zur Bushaltestelle hinunter. Ob es sich lohnte, über Mittag schnell nach Hause zu gehen? Jochen sah den gelben Bus Nr. 46 um die Ecke biegen. Zu spät. Er blieb kurz stehen, drehte sich um und ging entschlossen auf das bunt geschmückte Lokal mit der neongelben Aufschrift «Adelphos» zu.

Mit einiger Kraftanstrengung drückte Jochen die schwere Glastüre nach innen, die im selben Moment ein lautes Klingeln wie von einer Schulhausglocke auslöste. Jochen sah sich in dem kitschig-chaotisch nach dem Vorbild eines Themenparks eingerichteten Lokal suchend um, bis er endlich in einer hinteren Ecke des Restaurants bekannte Gesichter erblickte. Der ganze innere Kreis hatte sich um einige zusammengerückte Tische in einer schummrig beleuchteten, grottenartigen Apsis unter der Überschrift «Olympia» geschart, Wembel in der Mitte, daneben – natürlich – Detlef. Ein paar andere Studenten – offensichtlich zum ersten Mal dabei – saßen etwas unsicher am Rand.

«Aha, unser Neuer», sagte Wembel freundlich, der ihn offenbar die ganze Zeit über seine Brillengläser hinweg beobachtet hatte, und einige Gesichter drehten sich nach Jochen um. Nun lief er schon wieder Gefahr, in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu geraten. «Schön, daß du doch noch gekommen bist. Setz dich doch zu uns. Wir rücken alle ein bißchen zusammen, ja?»

Schon während des Seminars war Jochen aufgefallen, daß Wembel einige Teilnehmer duzte, andere wiederum siezte, und er hatte sich gefragt, ob dem wohl ein System zugrunde liege. Durfte er diese ihm spontan unangenehme Anrede als Sympathiebekundung, ja etwa gar als Einladung in den Inneren Kreis werten?

Jochen war bei der Vorstellung, noch mehr Zeit in dieser Runde verbringen zu müssen, plötzlich unwohl. «Äh, ich wollte eigentlich nur schnell …» stammelte er, nach einer Ausrede suchend, «sagen, daß ich wahrscheinlich nächstes Mal nicht kommen kann.» Scheiße. Was war das jetzt? «Schon in Ordnung. Schön, daß du noch reingeschaut hast», meinte Wembel. Und er lächelte. – Das war ja ganz einfach gewesen, und doch mußte sich Jochen eine leise Enttäuschung darüber eingestehen, daß man ihn so einfach hatte gehen lassen. Er murmelte noch einen Gruß und drehte sich um. Als er wieder an der Theke vorbeiging, stellte sich ihm ein kleinwüchsiger Kellner in den Weg. «Suche Sie ein Tisch? Habe Sie reserviert?» Jochen verneinte mit gequältem Lächeln.

«Ah, da bist du ja», sagte da jemand von rechts. «Wir gehören zusammen. Also, das heißt, er sitzt hier bei mir.» Mit ihren großen Augen lächelte ihn die Unbekannte aus dem Seminar an – Larissa. Jochen spürte, wie ihm das Blut in den Kopf schoß.

Der Kellner zwängte sich ungeduldig vorbei. Dann drehte er sich aber gleich wieder um: Ihre langen dunkelbraunen Locken sprangen lustig um ein schön gerundetes, offenes Gesicht. Die warmen, klaren Augen waren von lebendiger Ausdrucksfähigkeit. Sie spiegelten Fröhlichkeit oder Traurigkeit, Nachdenken oder Ausgelassenheit – und stets strahlten sie eine wache, heitere Ruhe aus und wirkten auf das Gegenüber beinahe unausweichlich einnehmend.

«Komm setz dich.» Sie war von ihrem Zweiertisch, der etwas abseits in der «Mykene»-Nische stand, aufgestanden, und ließ Jochen Platz nehmen. Die Wände waren von großformatigen Plakaten bedeckt, wie sie sonst in Reisebüros hängen. Auf dem über Larissas Tisch war das Löwentor im Abendlicht abgebildet.

«Du wolltest doch nicht schon wieder gehen?»

Jochen log: «Nein, nein, ich habe nur schnell dem Wembel noch was sagen müssen. – Und dir, haben sie dir etwa keinen Zutritt zum engeren Kreis gewährt?»

«Ach laß, ignorier sie einfach. Möchtest Du Dir was bestellen, das geht schnell hier. Oder warte, nimm doch das hier, das ist ausgezeichnet» – Larissa, sie schien sich ihrer Wirkung durchaus bewußt zu sein, drehte sich nach dem Kellner um – «noch einmal dasselbe: einen griechischen Salat, ja? und ein Souvlaki. Was trinkst du?» – «Das gleiche wie du.» – «Also, noch ein Glas Wein, bitte.»

Jochen schluckte. Das Tempo war er nicht gewohnt. Er merkte, daß er seinen Mantel noch gar nicht ausgezogen hatte. Umständlich schälte er sich aus den Ärmeln und legte den Mantel auf seine hirschlederne Mappe, die er auf den Stuhl neben sich gelegt hatte. Sie saßen sich einen Moment lang gegenüber, ohne etwas zu sagen. Jochen spürte deutlich, wie sein Puls in den Schläfen schlug.

«Man muß hier ziemlich laut reden, damit man überhaupt etwas versteht», sagte er schließlich.

«Ja, ich versteh dich aber trotzdem», lachte sein Gegenüber. Es war ein bestrickendes, sonniges Lachen. «Ich heiße jedenfalls Larissa, und wer bist du?»

«Entschuldige. Jochen. Jochen Bauer. Ich studiere Germanistik, Musikwissenschaft und alte Sprachen, also Latein und Griechisch.» Der Kellner brachte das Essen und stellte ein Glas Weißwein so schwungvoll daneben, daß etwas davon überschwappte.

«Das war heute übrigens mein erstes Seminar bei Wembel», setzte Jochen neu an. Er versuchte, seine Nervosität abzustreifen, indem er etwas lauter sprach und energisch zum Salzstreuer griff, der eine Miniaturausgabe der Akropolis darstellte. «Entschuldige, eine schlechte Gewohnheit von mir», sagte er beinahe fröhlich und streute eine beachtliche Menge Salz über die Salatblätter.

«Dafür brauchst du dich doch nicht zu entschuldigen!. – Das hätte man übrigens nicht gedacht, du hast ja wie ein alter Hase mitdiskutiert vorhin. Das machen sonst nur alte Hasen – du weißt ja, was ich meine.» Sie lachte. War sie etwa auch nervös? Jochen beobachtete, wie Larissas schöne Hand zitterte, als sie nach dem Weinglas griff. «Aber eigentlich sind diese komischen Seminar-Hasen doch alle gleich theoriegrau! Ich glaube, ich wäre noch erstickt, wenn Du uns nicht Luft gemacht hättest.»

Es gibt weniges, was als so beglückend erlebt werden kann wie die Erfahrung, auf einen anderen Menschen zu stoßen, den zu treffen man niemals erwartet, ja nicht mehr zu hoffen gewagt hat, dessen Ansichten und Einsichten, dessen Gedanken, Gefühle und Sehnsüchte einem wie das Spiegelbild der eigenen erscheinen müßten, wären sie nicht ganz und gar durchdrungen vom Allereigensten, Unwiederholbaren dieses in jeder Hinsicht ganz Anderen, Unbekannten und doch so schlagartig Vertrauten. Es läßt sich hinterher nicht mehr sagen, wer den ersten Ball geworfen, wer ihn zurückgegeben hat, nur eines spürt man immer stärker: wie einen dieser sich auf jedem Weg verstärkende Wechselstrom auf immer höheren Wellen nach oben schaukelt, bis man gemeinsam auf dem Olymp ankommt, wo doch die geistige Klarheit nicht im geringsten getrübt wird, nein, nur noch an Schärfe und Strahlkraft gewinnt. Beinahe störend erlebt man nun, was einem sonst vielleicht einmal im Leben nur auffällt: wie beschränkt, wie einschränkend, wie linear und vor allem – wie langsam doch die Sprache ist angesichts der Überfülle der längst sich verstehenden Gedanken und Gefühle. Immer hinken die Worte den sie erst erzeugenden Gedanken hinterher, die sie in solch überbordender Fülle zugleich überrollen, daß sie, die heillos Zurückgebliebenen, in ihrem strengen Gänsemarsch unweigerlich über einander zu stolpern beginnen. Und das ist nur die eine Seite. Auf diesen Strom trifft von der anderen Seite ein gänzlich anders gefärbter – gemeinsam erheben sie sich in ein überschäumendes Sprudeln, dessen Farbe in einem ganz neuen Ton gleißt, in dem die beiden ursprünglichen aufgehoben sind. Und über allem spannt sich – in diesem seltensten der seltenen Fälle – der Himmel der Verliebtheit.

Plötzlich stand sie.

«Also dann, mach’s gut!» strahlte sie ihn an – und war weg. Mit Henning Wembel. Über den war man sich auf dem Olymp eben noch völlig einig gewesen, und nun das: Wembel hatte wohl den gleichen Heimweg wie Larissa, oder so ähnlich. Konnte das denn wahr sein? Jochen war ratlos …

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