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nd wissen Sie, was diese, diese
Klepzik da sagt?» Anja Zischer, eine alterslos gealterte Mittfünfzigerin
mit sauber hochgestecktem Haar, hatte Ihren Chef in der
Berufungskommission vertreten dürfen und berichtete nun in aller
Breite. «Nein,
was denn?» fragte Gresewitz beiläufig und leicht gereizt, während er
in seinem großen Büro mit prächtiger Aussicht geschäftig die
inzwischen allzu zahlreich eingegangenen Bewerbungsunterlagen
potentieller künftiger IKS-Chefs durchsah. «‹Halten
Sie sich da bitte raus, Frau Zischer!› sagt die zu mir! Und dabei hab
ich sie doch nur darauf hingewiesen daß Sie, Herr Professor, sich
deutlich für einen europäischen
Kandidaten ausgesprochen haben – das war doch richtig, oder?» «Völlig
richtig, Frau Zischer, lassen Sie sich von der Klepzik nicht kirre
machen. Wenn man die in Ruhe läßt, kann man sie hinterher auch besser
übergehen, dann hat sie ihren Teil beigetragen und ist zufrieden. Der dürfen
Sie nie direkt widersprechen, sonst verkeilt sie sich hoffnungslos in
die Sache und blockiert sie auf unabsehbare Zeit.» Gresewitz fuhr sich
hastig durchs Haar; er tat sich einiges auf sein
politisch-psychologisches Geschick zugute. Sein Blick war soeben auf die
Akte einer Dame mit, wie er fand, ziemlich ansprechendem Paßfoto
gefallen. «Sagen
Sie mal, Frau Zischer, was war denn mit der hier, warten Sie: Drobitzki,
Gudrun Drobitzki, erinnern Sie sich an die?» «Ich
brauche mich nicht zu erinnern, ich habe mir hier alles notiert. Für so
etwas ist Steno auch heute noch gut! Also, ja, da hab ich’s: Die
Gudrun Drobitzki hat Professor Wembel bearbeitet: PD in Göttingen,
Psychologin, Dölle-Schülerin, solide Arbeiten, bißchen stark
eingeschränkt auf Entwicklungspsychologie, war dafür in den USA, einen
kleinen Aufsatz über Literaturpsychologie könnte man als
interdisziplinär durchgehen lassen. Wembel scheint sie zu favorisieren.» «Wie
alt ist die denn?» fragte Gresewitz leicht abwesend, entdeckte dann
aber, daß er ja ihren Lebenslauf in der Hand hielt: «Ach ja, geboren
1943 – das Foto ist wohl auch aus besseren Tagen. Gut, weiter. Wen hat
denn mein Freund Klüstrow ins Rennen gebracht?» «Klüstrow,
Klüstrow, warten Sie mal – hier! So einen Ostgoten, wie ich immer
sage, einen Litauer, glaube ich. Smetona Jurgis heißt der – oder
umgekehrt.» «Jurgis
ist der Vorname, denke ich. Typisch Wenzel, der kriegt immer die
richtigen. Und was hat der Herr Smetona zu bieten? «Eine
ganze Menge», Frau Zischer kramte in ihren Notizen, «schier unüberblickbares
Publikationsverzeichnis, breite Interessenstreuung, Komparatist,
zahlreiche Editionen und Monographien, scheint ein hervorragender
Germanist zu sein, aber auch philosophisch sehr gebildet. Kommt aber
allerdings von ganz schön weit her. – Ach ja, und das Beste ist: Der
Mann ist knapp 40 und damit der Jüngste von allen. Klüstrow schien
ziemlich begeistert.» «Und
wo liegt der Haken? Wer war dagegen?» «Wie
gesagt: Balte, Ostblock und so, sie wissen schon, Visum, Rentenkasse,
Krankenkasse, Versicherung und so weiter. Rein technische Probleme.
Allerdings waren Claassen und Grüske-Julius offensichtlich dagegen, und
zwar nur, weil der aus Richtung Osten kommt – glaube ich jedenfalls.
Die wollen wohl irgend so einen Ami-Star, aber sowas ist da ja sowieso
nicht mit dabei. – Na gut, das heißt Star wohl schon, aber …» «Aber?»
Gresewitz drehte sich nach seiner treuen Gehilfin um. «Na
ja, der Schultze-Seiler hat sich ja beworben, das wissen Sie doch.» «Gar
nichts weiß ich, dafür habe ich Sie ja geschickt. – Aber was sagen
Sie da? Das kann doch fast nicht sein? Der hat zwei Lehrstühle, einen
in Frankfurt/Oder, einen in Princeton, er vertritt zwei Fächer, und
jetzt hat der nix Besseres im Sinn als ausgerechnet in Bellnau
vorzusingen? Daß ich nicht lache.» «Ja,
ich weiß auch nicht, Claassen meinte, der will da wohl freie Hand haben
und das Institut zum Schultze-Seiler-Insitut umfunktionieren. Und
Claassen und Grüske-Julius scheinen da auch gar nichts dagegen zu
haben.» Gresewitz
schüttelte den Kopf. «Gut, lassen Sie das, das muß ich mir jetzt doch
mal selber noch näher ansehen. Sagten Sie nicht vorhin, daß unser
aller Oberhaupt Grüske-Julius außer der Reihe einen eigenen Kandidaten
aus dem Ärmel gezaubert hat?» «Ja,
richtig. Irgend ein …», Frau Zischer zögerte, «doch, der heißt
wirklich so: Rüdiger Julius. Privatdozent der Ethnologie in Bamberg,
sonst noch nirgends weiter in Erscheinung getreten, zu dem konnte oder
wollte keiner was sagen, aber Grüske scheint den ganz toll zu finden.» «Kann
ich mir vorstellen», preßte Gresewitz, dem derlei Auswahlverfahren ein
Graus waren, sarkastisch hervor, «der scheint ja zumindest einen guten
Namen zu haben.»
Die Straße lief oberhalb der Laar
parallel zum Fluß. Beat gab Gas. Insgesamt ergab sich ein gewaltiger
Bogen, der die Kleinstadt Bellnau und das noch kleinere mittelalterliche
Handelsstädtchen Stedtnau verband. Es war eines der ersten
Herbstwochenenden, an denen Beat Inderbitzin nach seinem ereignisreichen
Umzug in die Wohngemeinschaft der Bessergestellten wirklich frei hatte.
An die wenigen Verpflichtungen im Auftrag von Gresewitz hatte er sich
inzwischen gewöhnt. Seine eigentlichen universitären Aufgaben konnte
er noch nicht antreten, schließlich war er als Assistent für die
IKS-Stiftungsprofessur engagiert, und das Bewerbungsverfahren war eben
erst angelaufen. Professor Kupfert hatte ihm ja geraten, möglichst viel
zu publizieren, und so hatte er sich vorgenommen, zu tun, was er konnte.
An einem so wunderschönen Nachmittag die ganze Zeit zu Hause zu sitzen
und nur zu lesen oder zu schreiben – das war allerdings entschieden
nichts für Beat Inderbitzin. Abgehobene Theorie, dröges Philistertum
und Papierkramerei ohne praktischen Bezug waren seine Sache nicht. Es
ließ ihn unweigerlich melancholisch werden, und diese Stimmung, so schön
sie sein konnte, wurde er dann schwer wieder los – am besten noch
durch ausführliche Spaziergänge. So hatte er sich gegen Abend in
seinen grasgrünen alten Polo gesetzt und war einfach losgefahren, um
die Gegend zu erkunden. Der
grüne Wagen fuhr in einer weiten Kurve, die nicht enden zu wollen
schien, laaraufwärts. Beat kamen nur wenige Wochenendausflügler in
ihren familienfreundlichen Kombis entgegen. Links lag der Fluß unter
ihm, rechts erhob sich eine ziemlich steile, waldige Böschung. Es war
dunkler geworden, einige Wolken spiegelten sich gemeinsam mit den
letzten schrägen Sonnenstrahlen, die über die Hügel kamen, auf der
nur ganz leicht gekräuselten Wasseroberfläche. Die Laar floß ruhig,
aber stetig; hin und wieder wurde sie durch kleine Felsriffe zerteilt.
Kurz vor Stedtnau fuhr Beat rechts in eine kleine, abfallverschmutzte
Parkbucht, von der aus ein Fußpfad aufwärts führte. Die Luft war kühl,
Beat griff sich seine Jacke vom Beifahrersitz. Zügig
schritt er bergan. Ein kleiner, kurvenreicher Weg führte oberhalb der
Straße auf einer dritten Ebene den Fluß entlang zurück Richtung
Bellnau. Der Waldläufer genoß durch die Buchenstämme hindurch die
wunderbare Aussicht auf die Laar und die rotbeschienenen kleinen Dörfer
am anderen Ufer. Beat dachte darüber nach, ob er nicht doch einen
Fehler gemacht hatte, als er in diese Wohngemeinschaft eingezogen war.
Othmar Asche hatte sich ausgerechnet als Germanistikstudent, als «Kollege»
im engeren Sinne quasi, entpuppt, und das war Beat nicht angenehm, in
diesem Fall nicht, und das schien auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Mit
gesenktem Kopf dachte er nach. Seine Füße gingen über raschelndes
Laub, das schon sehr reichlich gefallen war und dessen Farbe man im
Halbdunkel kaum mehr erkennen konnte. Er erinnerte sich an alte Zeiten,
als er auf Familienspaziergängen fast bis zu den Knien im Laub
versunken war. Einmal schreckte er auf, als ein ältlicher Jogger in
grotesker Montur, den er wegen des Geraschels nicht hatte kommen hören,
in Begleitung eines greisen, herzkranken Rauhhaardackels grußlos an ihm
vorüberhechelte. Der
Weg stieg leicht an und wurde etwas schmaler. Rechts fiel die Böschung
steiler und felsiger als zuvor zur Straße hin ab. Beat hörte Stimmen.
Einsame Spaziergänge waren ihm am liebsten, er wollte den Weg und den
Wald für sich haben, und er fürchtete, daß hier nun gleich mehrere
Konkurrenten plump scherzend und schnatternd und ohne Verständnis für
die Schönheit ihrer Umgebung auf ihn zukämen, etwa eine rüstige
Rentnerrunde, die nur auf ihren Stammtisch zusteuerte. Aber es kam
niemand. Beat blieb stehen. Es war, als rufe da jemand. Nein, das war
Musik. Gesang. Vielleicht Pfadfinder. Dafür war es aber wiederum zu
schwach. Es kam eindeutig von vorne. Beat hörte jetzt, daß es eine
einzelne Stimme war, die von allen Seiten merkwürdig zurückgeworfen zu
werden schien. Vielleicht war es ein Radio? Er war unschlüssig, ob er
umkehren oder weitergehen sollte. Schließlich ging er weiter. Er ging
direkt auf die Stimme, eine weibliche Stimme zu, sie wurde immer lauter
und deutlicher. Als der Pfad wieder breiter wurde, öffnete er sich auf
eine Art runde Lichtung oder Rastplatz mit Feuerstelle und Holzbänken,
der Fels ragte hier, schräg überhängend, etwas weiter über die Straße,
so daß man den Eindruck hatte, direkt über dem Fluß zu stehen. Da
war sie. Da waren diese Augen. Sie sahen ihn nicht, aber er sah sie. Auf
einer der schlichten Sitzbänke aus halben Baumstämmen saß sie im
abendlichen Halbdunkel – ein Mädchen, eine junge Frau, eine Elfe,
eine Göttin. Beat blieb, an einen Baum gelehnt, stehen und sah. Er sah
sie. Braune Locken, schwarze Augen, auf den Knien eine Gitarre. Und sie
sang – ein Liebeslied. Ob es für ihn war? «…
Endlich vereint, … endlich vereint», summte das Mädchen und
probierte einige Gitarrengriffe aus. Wie schön, dachte Beat unwillkürlich.
Trotz des altertümlich anmutenden Textes schien ihm die Melodie sehr
modern zu sein. Und seine Melancholie wuchs ins Unermeßliche. Doch
anders als sonst verspürte er eine niegekannte Süße. «Und das hat
mit ihrem Singen die Lorelei getan …». – Ja natürlich: die Laarley!
Beat mußte plötzlich über sich selbst lächeln – es war ein
trauriges Lächeln. Die
holde Sängerin schien das zu merken, denn sie schreckte plötzlich auf. «Mein
Gott, wer sind Sie denn? Wissen Sie eigentlich, wie sehr sie mich
erschreckt haben?» «Ah,
ja, sorry, das war natürlich nicht meine Absicht! Ich wollte ihnen bloß
ein wenig zuhören. Ich heiße übrigens Beat, hallo!» Beat streckte
ihr seine Hand entgegen. «Hallo,
ich bin Larissa.» Die Laarley schien einigermaßen beruhigt. «Ist
es nicht hier oben zum Singen nicht schaurig kalt – könnte ich mir
vorstellen?» «Na
ja, schon, aber ich kann ja sonst nirgends üben. In meiner Bude ist es
zu hellhörig, da beschweren sich immer alle gleich. Und hier kommt ja
kaum jemand vorbei – außer Ihnen vielleicht», Larissa lächelte
schelmisch. «Was machen Sie hier überhaupt?» «Gute
Frage!» Beat lachte etwas gezwungen und wiegte seinen Kopf schwerfällig
hin und her. «Ja, was mache ich hier eigentlich? Ich gehe schlicht und
einfach spazieren, ein wenig den Kopf lüften, oder!» Beat
war hingerissen, so schnell hatte sich noch nie ein Gespräch mit einer
Frau ergeben. Er beschloß aufs Ganze gehen: «Kann
ich dich auf Bellnau oder anderswo hin mitnehmen? Ich habe mein Auto da
unten bei der Straße parkiert.» Er
konnte. Als sie im Auto saßen, erklärte Larissa ihm, daß sie
keineswegs aus freien Stücken Liebeslieder auf Waldlichtungen sang,
sondern für das in der ganzen Gegend heiß diskutierte Musical «German
Sector» üben mußte, von dem Beat noch nichts gehört hatte. Sie bat
ihn, sie direkt an der Bellnauer Stadthalle beim Franck-Park abzusetzen. Nachdem
sie in der Dunkelheit verschwunden war, blieb Beat noch lange im Auto
sitzen und überlegte, ob er auf sie warten sollte. Schmunzelnd dachte
er an Professor Kupfert, wie er ihm die Lorelei – das heißt natürlich:
die Laarley – ans Herz gelegt und ihn gleichzeitig mit weltläufig-erfahrener
Miene vor übermäßiger Ablenkung durch echte Bellnauerinnen aus
Fleisch und Blut gewarnt hatte. Wie aber, dachte Beat, wenn das eine
nicht ohne das andere möglich wäre? Und mutig beschloß er, es darauf
ankommen zu lassen. Laa-ri-ssa! Das Bellnauer Brotmuseum war ein
Relikt aus den Tagen des Aufbruchs Anfang der siebziger Jahre, als man
dem sprunghaften Wachstum der Kleinstadt durch deren Aufwertung zum
regionalen Kulturzentrum Rechnung zu tragen versucht hatte. Damals hatte
man sich auf das in der «Brotstadt Bellnau» traditionell stark
vertretene Bäckerhandwerk zurückbesonnen und sich zur Gründung eines
monumentalen Brotmuseums entschlossen. Wie soviele große Würfe aus
jener Zeit, hatte sich das Projekt schon nach kurzer Zeit als völlig überrissen
erwiesen, aber nun war es einmal da – und auch nicht unpraktisch,
konnte man doch stets darauf verweisen, wenn sich von links wieder
einmal die Frage der «Kulturförderung» erhob. Um seine
Daseinsberechtigung unter Beweis zu stellen, organisierte das Brotmuseum
in Gestalt des Stiftungsrats in unregelmäßigen Abständen
Sonderausstellungen. All
dies war Jochen zur Genüge bekannt, aber auch reichlich gleichgültig.
Er wischte stoisch Staub von den unförmigen Maschinen, von Geräten,
versteinerten Brotwaren und Vitrinen, die er später im Magazin
verstauen mußte. Er – sonst gab es niemanden, der dies hätte tun können
– war dazu ausersehen worden, die bevorstehende Sonderausstellung zum
Thema «Brot im Dritten Reich. Die Mystifizierung eines Grundnahrungsmittels
durch den Nationalsozialismus». Es
war heute, wie meistens, noch kein einziger Besucher erschienen, dessen
Beobachtung wenigstens etwas Abwechslung versprochen hätte. Aber Jochen
arbeitete rein mechanisch, mit seinen Gedanken war er ohnehin ganz
woanders. Was
wäre, wenn sich plötzlich die Tür öffnete und Larissa einträte? Wie
würde sie aussehen? Was würde sie von ihm denken? Was würde er sagen?
Er hatte sich mehr als einen Satz zurechtgelegt, der ihm notfalls aus
der Patsche helfen könnte, jedoch war er sich gar nicht so sicher, ob
er es sich wirklich wünschte. Überhaupt,
seit er sie kannte, wenn auch noch nicht gut, versuchte er unbewußt
alles durch ihre Augen zu
sehen, vor allem sich selbst. Und seine Situation an diesem höchst
seltsamen Ort erschien ihm mehr und mehr unerträglich. Die Nazi-Brötchen-Schau,
wie er sie bei sich nannte, setzte der Groteske nur die Krone auf.
Jochen beschloß, bei nächstbester Gelegenheit, am besten noch heute,
zu kündigen. Dr. Beat Inderbitzin saß, feucht von Schweiß und Regen,
in der penibel aufgeräumten Küche der Wohngemeinschaft an der
Stedtnauerstraße. Vor sich hatte er ein Glas frischgepreßten
Orangensaft. Sein Zimmernachbar Detlef Kiesel drückte, in tiefes
Schweigen versunken, mit Hilfe eines Löffels umständlich und mit
unendlicher Sorgfalt einen Vanille-Teebeutel aus. Gedankenverloren
arbeitete Beat verschiedene Papierbündel, Gratisanzeiger und Broschüren
durch, die von Susanne, der einzigen weiblichen Mitbewohnerin, zu
ordentlichen kleinen Stapeln aufgeschichtet und auf der Anrichte
zwischengelagert worden waren. Wie so viele seiner
literaturwissenschaftlichen Fachkollegen litt Beat an Lese-Zwang. Egal
in welcher Größe, Farbe oder Form: Aneinandergereihte Buchstaben übten
auf ihn eine magische Wirkung aus, der er nichts entgegenzusetzen hatte
(Professor Kupfert hatte sich anläßlich eines gemeinsamen
Pflicht-Abstechers in den Louvre während des Pariser Heine-Symposions
1997 darüber verwundert gezeigt, daß Beat sich einzig für die «zum
Teil fahrlässig unpräzisen» Bildunterschriften interessiert habe). Widrige
Umstände – eine bis zwei Uhr morgens andauernde, jedoch bedenklich
inhaltslose Faschismus-Diskussion mit Othmar am Vorabend, die sich an
der geplanten Ausstellung «Brot im Dritten Reich» entzündet hatte,
sowie ein morgendlicher feiner Nieselregen – hatten Beat auch an
diesem Vormittag nicht davon abhalten können, seinen gewohnten Rhythmus
beizubehalten: Seit seinem Einzug hatte er eisern jeden Morgen in einem
bordeauxroten Trainigsanzug sein kleines Morgenprogramm absolviert –
ob Othmars Bemerkung, der Anzug habe etwas «Kultiges» an sich, spöttisch
oder anerkennend gemeint war, hatte er noch nicht herausgefunden. In
lockerem Trab die Stedtnauerstraße hinunter bis zum Laar-Ufer, einige
Lockerungsübungen, dann in strafferem Tempo wieder die Böschung hoch,
Kehrtwende beim Spielplatz und im Eilmarsch zurück. Aus Rücksicht auf
Othmar, dessen Zimmer genau neben dem Liftschacht lag, erklomm der gefürchtete
Frühaufsteher die sieben Stockwerke bei der Rückkehr gewöhnlich zu Fuß.
Es gehörte zu Beats Morgenritual, sich nach getaner Arbeit nicht sofort
den Schweiß von der Haut zu duschen, sondern zuerst eine Weile am
riesigen Glastisch in der Küche zu sitzen, die Beine von sich zu
strecken, ein Glas Saft zu trinken und die wohltuende Ruhe vor dem
allmorgendlichen Geschwätz zu genießen. Detlef, Susanne und Othmar
erschienen verläßlich in dieser Reihenfolge und mit zunehmender
Penetranz. Beat
studierte gerade mit gerunzelter Stirn den Bettelbrief eines Hilfswerks,
das sich um notleidende Tiere in Kriegsgebieten kümmerte, als ihm ein
handbeschriebener Notizzettel in die Hände fiel, der wohl versehentlich
unter den Papierstapel geraten war. Mit professionellem Philologenblick
untersuchte Beat das Blatt. Den feinen blauen Linien nach zu urteilen,
stammte das Blatt wohl aus einem jener kleinen Notizbücher aus der
Uni-Papeterie. Die sorgsam in türkisfarbener Tinte kalligraphierten
Buchstaben ließen jedoch nicht eindeutig auf eine ihm bekannte
Handschrift schließen, noch nicht einmal darauf, ob das Geschriebene
von Frauen- oder von Männerhand stammte. Beat las:
Lento Empfangene Küsse –
verbleibt nicht lang die Süsse. Verrauschte
Flüsse Erquicken nicht. Was uns am meisten erfreut:
entspringt aus Gegenwärtigkeit. Der
Liebe Hand Sich
gnädig gezeiget. Das
Blatt hat sich gewandt Das
Gefühl sich neiget. Beat wurde beim Durchlesen von einem seltsamen Schauder
ergriffen. Das Gedicht war schlecht. Jämmerlich schlecht sogar. Daran
konnte gar kein Zweifel bestehen. Aber doch: Vielleicht hatte jemand
sein ganzes Herzblut in das Gedicht hineingegossen. Beat hatte plötzlich
ein Gefühl, als müsste er den Zufallsfund vor fremden Augen und Händen
schützen. Detlef saß so nahe bei Beat, daß es hätte auffallen müssen,
wenn er das Blatt unauffällig zu sich genommen hätte – überdies
hatte sein Trainingsanzug auch gar keine Taschen. Steckte er es jedoch
einfach zurück in den Stapel, bestünde die Gefahr, daß es in falsche
Hände geriete. Es blieb nur noch die Flucht nach vorn: das Blatt auf
dem Tisch liegen lassen, eine Zeitung drüber, dann beides beiläufig
mitnehmen. Beat hatte den komplizierten Ablauf noch nicht zu Ende
durchdacht, als ihm Detlef das Papier blitzschnell aus der Hand riß. «Darf ich mal sehen, Beatus? Was ist das denn, ein
Liebesbrief oder was?» Detlef lehnte sich in seinem Stuhl zurück, und
hielt den Zettel mit hochgezogenen Brauen, als wäre er weitsichtig, in
großem Abstand von sich. Er hielt den Kopf schräg und deklamierte mit
verdrehten Augen: «Empfaangene Küüsse – verbleeeibt nicht laang die
Süüüße.» Dann senkte er den Blick und hauchte mit gespieltem Ernst:
«Das ist ja genial. Großartig. Friederike Kempner hat einen würdigen
Nachfolger gefunden! Darf ich das dem Wembel zeigen? Bitte, bitte! Der
freut sich doch über sowas!» Beat befand sich in einer unangenehmen Zwickmühle.
Einerseits fühlte er sich, als wäre er soeben beim Blättern in einem
fremden Tagebuch ertappt worden, andererseits stand er nun plötzlich
als der Autor da, was er aber nicht so ohne weiteres richtigstellen
konnte, denn es widerstrebte seinem Gerechtigkeitsgefühl, sich auf
Kosten anderer lustig zu machen: «Komm jetzt, Detlef, laß das. Ich glaube nämlich nicht,
daß diejenige, die das verfaßte, das so lustig fände.» Beat streckte
Detlef die Hand entgegen, als würde er ein kleines Kind bitten, ein
verbotenes Feuerzeug wieder zurückzugeben. «Moment! Wer sagt denn eigentlich, dass eine Sie diese
herrlichen Zeilen zu Papier gebracht hat? Das sieht mir doch schwer nach
einer Männerhand aus. Und ich glaube» – hier setzte er eine
vielsagende Kunstpause – «ich kenne den Poeten persönlich: Er wohnt
nicht weit von dir, genaugenommen in der gleichen Wohnung. – Mann
Beat, hast du eigentlich nicht gemerkt, daß Othmar mit seinen Gedanken
in letzter Zeit ganz woanders ist?» Dann senkte er den Kopf und flüsterte
Beat vertraulich zu: «Also, Mister Schweiz, ich erklär dir das jetzt
mal. Den guten Othmar hat’s erwischt. Will sagen: schwer verliebt. Und
die Dame ist romantisch, steht nicht auf Auto, Sauna, Handy und so. Ja,
und da läuft doch momentan ‹Vielseitig›, dieser Poesiewettbewerb an
der Uni. Und um die Dame zu beeindrucken, ist unser Otti seit neuestem
unter die Dichter gegangen. Und unter uns gesagt: Mit diesem ‹Lento›
ist ihm doch garantiert der erste Preis sicher!». Eigentlich mochte Beat Detlef eindeutig lieber als Othmar,
von dem er von Anfang an mit einer gewissen Herablassung behandelt, wenn
nicht überhaupt ignoriert worden war, aber der unverhohlene Sarkasmus
in Detlefs Ausführungen war ihm nun doch äußerst unangenehm. So
fragte er beiläufig: «Ach so, nein, das wußte ich nicht. Wer ist dann
die Glückliche?» Detlef verzog beinahe schmerzvoll das Gesicht: «Larissa.
Larissa Dominici heißt sie.» Beat blieb das Herz stehen. «Hat so was
Südländisches, gutaussehend, mit großen Titten und so» fuhr Detlef
fort, «weißt du, ich kenn die schon lange. Die erzählt mir alles. Und
eins sag’ ich dir: Wenn Frauen einen so ins Vertrauen ziehen, dann
hast du sie schon halb im Bett. Du weißt, was ich meine. Und mit der
wird’s da nicht langweilig, das schwöre ich dir. Brauchst dir nur mal
ihren Mund anzusehen. Aber ich werd’s ja bald hautnah erfahren.» Beat war wie in Trance. Daß Susanne und dann auch Othmar
die Küche betraten, nahm er nur noch halbbewußt wahr. Detlef, der große
Feminist. Der Geschlechterkonstruktexperte. Der Literaturgourmet, der
seinem Vorbild nachwembelte. Redete daher wie der schlimmste Macho.
Seine Larissa, seine Laarissa, seine Laarley, seine Göttin. Und der kühle
Othmar wiederum als rührseliger Minnesänger – die Situation war in höchstem
Maße absurd. Ja, überhaupt: Was war denn mit ihm selbst? Susanne holte ihn wieder auf die Erde zurück: «Herr
Doktor, ich hab noch ein Hühnchen mit dir zu rupfen. Das geht natürlich
nicht an, frühmorgens so einen Lärm zu veranstalten, kapiert?» Beat wurde rot. «Oh, Entschuldigung, Susann. Das wollte
ich nicht. Der Detlef und ich witzelten effektiv nur ein wenig in der Küche
herum.» Sie tippte ihm mit dem Zeigefinger auf die Nase: «He, das
war doch nur Spaß. Nimm doch nicht alles so ernst. Überhaupt, was ist
eigentlich los heute früh, das ist ja wie an einer Beerdigung hier!» Leif
Dombrowski konnte nach wenigen Sekunden mit stupender Treffsicherheit
Automarke, Nationalität, Beruf, Alter und Charakter seiner Kunden
erraten. Die Tankstelle mit angegliedertem Schnellimbiß – als «Leifs
Tanke» bekannt, war sie ein beliebter Treffpunkt von Jugendlichen,
Fernfahrern und Alleingebliebenen – lag zentral an der großen
Landstraße zwischen Bellnau und Stedtnau, kurz vor dem
Autobahnzubringer. Dombrowski
war ein Hüne, der in letzter Zeit allerdings stark an Gewicht zugelegt
hatte. Sein Gesicht mit den listigen Knopfaugen befand sich aufgrund der
beträchtlichen Doppelkinnunterlage stets in leichter Schräglage. Von
seiner Höhe sah er mit einer gewissen natürlichen Überlegenheit auf
die Welt. Leif konnte es mit allen, er vermittelte bei Streitfällen,
beriet seine Kunden stets kompetent und mit trockenem Humor, ihn brachte
so schnell nichts aus der Ruhe. Über allem
hing ein seltsamer Geruch – es war mit gewissen täglichen
Schwankungen immer derselbe –, der sich aus erhitztem Frittieröl,
Abgasen, Motorenöl und Zuckerwatte zusammensetzte. Leifs Tanke war der
einzige Ort weit und breit, wo man ganzjährig und rund um die Uhr
Zuckerwatte bekam. Dieser Geruch war einzigartig, wer ihn kannte,
erkannte ihn sofort und überall wieder – man hatte den Eindruck daß
er noch stärker als jeder Geruch ohnehin die damit verbundene Situation
heraufbeschwor. Bei Leif
trafen sich alle, buchstäblich alle: die Arbeiter der nahen
Juliuswerke, die beiden stadtbekannten Bellnauer Penner, die bei Leif zu
jeder Jahreszeit Unterschlupf fanden, die amerikanischen Gastkünstler,
die für das Musical «German Sector» probten, Studenten, Schüler,
Hausfrauen, Universitätsprofessoren, ja sogar Gisela Lemmings. Letzteres
war keineswegs selbstverständlich. Auf dem Heimweg – die Historikerin
wohnte in Stedtnau – mußte Frau Lemmings an einem unwirtlichen
Donnerstagabend kurz nach den letzten Bellnauer Häusern feststellen, daß
ihr Wagen den Geist aufzugeben drohte. Sie erinnerte sich an das
schlecht beleuchtete Hinweisschild, das auf «Leifs Tanke» aufmerksam
machte und schaffte es noch bis kurz vor die Einfahrt. Seufzend und
nicht ohne Unbehagen näherte sie sich der Flachdach-Bude, vor der sich
wie üblich einiges Volk tummelte, und zwar von der Sorte, mit der sie
sonst keinen Umgang pflegte (nicht aus Überheblichkeit, nein, eher aus
Unkenntnis und Ängstlichkeit). Sie holte tief und entschieden Luft, wie
sie es zu tun pflegte, bevor sie die Tür zum vollbesetzen
Vorlesungssaal aufstieß. Aber hier verhielt es sich anders. Der Lärmpegel
veränderte sich durch ihr Erscheinen nicht im geringsten, niemand
schien Notiz von ihr und ihrem Problem zu nehmen – erst nach einigem
Herumfragen stellte sie fest, daß sie von einigen Gestalten
ausdruckslos gemustert wurde. Schließlich stieß sie auf den Chef und
schilderte ihm ihre Notlage: «Mein Auto
da unten will nicht mehr.» Keine
Reaktion. «Sind Sie
hier der Bereichszuständige für die Tankstelle? Mein PKW, der steht da
drüben an der Einfahrt – also das ist mir noch die passiert! Der will
einfach nicht mehr …» «Uni?» Gisela
Lemmings hob verdutzt die Augenbrauen. «In der Tat, ja. Aber mich würde
jetzt eigentlich eher interessieren …» «Historikerin,
stimmt´s?» «Jetzt
sagen Sie mal – wie kommen Sie eigentlich darauf?» Endlich
schien der brummige Fleischberg aufzutauen. Er nickte mit stolzem Lächeln.
«Kann ja
gar nicht anders sein. Die andern kenn ich nämlich alle schon. – So.
Ihr Renault ist also in die Knie gegangen, sagen Sie. Na ja, jetzt, würd
ich sagen, trinken Sie erstmal in aller Ruhe einen auf Kosten des
Hauses, ich kümmre mich da schon drum.» Einerseits
erleichert, aber auch wiederum verunsichert angesichts der sie dichtgedrängt
umgebenden Gäste, erklomm Frau Professorin Gisela Lemmings einen der
speckig-rotledern bezogenen Barhocker. Höflich grüßte sie zur Seite,
wo ein etwa vierzigjähriger junger Mann in einem weißen
Feinripp-T-Shirt und nicht minder enganliegenden Lederhosen lässig Bier
aus einer Dose trank. «Hi, ich
bin Mike», strahlte der sie an, während sie entgegen aller Gewohnheit
ebenfalls eine Dose Bier in Empfang nahm. An diesem
Abend unterhielt sich Frau Lemmings bei weiteren Dosen so angeregt mit
dem amerikanischen Musical-Regisseur, daß sie völlig vergaß, wie und
weshalb sie an diesen Ort gekommen war, als plötzlich Leif Dombrowski
hinter der Bar auftauchte und nebenhin brummte: «So. Die
Kiste dürfte es jetzt noch bis nach Hause schaffen. Aber bringen Sie
den Wagen mal übers Wochenende vorbei, dann setzen wir das auf eine
Rechnung. Klar?» Gisela
Lemmings rappelte sich auf und wurde schlagartig gewahr, daß sie es
versäumt hatte, ihren Gatten über ihren Verbleib zu informieren. So
etwas war ihr noch nie passiert. Ganze drei Stunden hatte sie nun mit
einem – wer weiß, vielleicht sogar homosexuellen – amerikanischen
Mann ungezwungen über Gott, das Musical und den Rest der Welt
geplaudert. Etwas benommen ruckelte sie in ihrem notdürftig
wiederhergestellten Auto Richtung Stedtnau. Das Autoradio lief in voller
Lautstärke. Das «Adelphos» war beinahe leer. Nur in der kleinen «Delphi»-Nische,
in der man auf einer niedrigen, steinernen Bank rund um einen
Omphalos-Stein saß, hockten zwei junge Frauen, die Köpfe dicht
beieinander. Es war wieder Freitag. Orakel-Tag. Jeden zweiten Freitag
traf sich Susanne Reuter nach dem Latinum-Kurs mit ihrer besten Freundin
Kiki Wentzlaff, dem «Orakel», um mit ihr zu besprechen, was sie gerade
beschäftigte, vor allem aber, um wieder einmal so richtig ablästern
und klatschen zu können. Kiki war eine eher unscheinbare Gestalt, sie trug die
geraden schwarzen Haare lang und sorgsam gepflegt, und ihr schmaler Körper
steckte fast immer in weitgeschnittenen Pullovern, deren überlange Ärmel
sie gerne über die Hände zog. Ihr schmales, etwas trauriges Gesicht
war meist sehr blaß – trotz Susannes gutgemeinten Ratschlägen war
sie niemals geschminkt, noch hatte sie jemals Schmuck getragen. Ihre
Stimme war ruhig, leise, aber von einer überraschenden Bestimmtheit.
– Susanne war das pure Gegenteil: Sie war außergewöhnlich groß,
strotzte vor Gesundheit und hatte eine Vorliebe für schrille, bunte
Kleider. Ihr volles blondes Haar, um das sie manche beneideten, hatte
sie meist zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie redete gern und
viel – und laut. Daher lief das Zweiertreffen in der Regel etwas
einseitig ab. Susanne war es, die mit Entschiedenheit die Gesprächsthemen
bestimmte und häufig auch allein bestritt. Kikis Beitrag beschränkte
sich in der Regel auf das Beisteuern einzelner Stichworte oder einer
abschließenden Bemerkung. Diesmal hatte Susanne gleich wieder
losgelegt: «Hör zu. Du kennst ja diesen Assi von Gresewitz, diesen
Beat Inderbitzin, ja? Also seit der bei uns eingezogen ist, ist der
Teufel los. Das heißt, eigentlich kann er selbt ja gar nichts dafür.
Aber Othmar kann ihn nicht leiden. Da hat von Anfang an etwas nicht
gestimmt. Mit Detlef ging es eine ganze Zeitlang gut. Aber mittlerweile
gehen auch die sich aus dem Weg. Und weißt Du warum?» Kiki schüttelte
den Kopf. «Ich sag es dir, meine liebe Kiki: Sie sind verknallt!»,
rief Susanne triumphierend. «Aber es kommt noch besser: alle drei in
dieselbe! Ist das nicht irre?» Es hat sowieso keinen Sinn, Susanne zu
unterbrechen, wenn sie einmal in Fahrt ist, dachte Kiki. «Ich schwörs dir, die gehen richtig ran. Othmar, der in
seinem ganzen Leben noch nie freiwillig etwas Gereimtes gelesen hat, sülzt
auf einmal Gedichte; Detlef macht einen auf Macker, und unseren
Schweizer, ja den hat es, glaube ich, richtig gefährlich erwischt. Der
rennt sich die Lunge aus dem Leib, und sonst sitzt er einfach trübselig
da. Und jetzt schreibt auch der noch Gedichte, habe ich zufällig
gesehen. Würde mich nicht wundern, wenn es noch zu einem Duell käme,
die haben sich da dermaßen reingesteigert. Jetzt wollen sie nämlich
alle drei am Wettbewerb teilnehmen.» «Darf ich mal zwischenfragen, wer eigentlich das Opfer
ist?» fragte Kiki harmlos. «Na ja», Susanne machte eine wegwerfende Handbewegung, «das
spielt ja im Prinzip gar keine Rolle. Du hast doch auch deine Lemmings
gelesen: Männer begehren eh nur irgend ein Traumbild, das hat dann gar
nichts mit der wirklichen Frau zu tun. Ja, Mensch, so eine Tusse halt
aus dem Hauptstudium. Melissa oder so.» Kiki lächelte: «Oh, oh, Susanne, höre ich da gar
Eifersucht heraus? Du meinst doch bestimmt Larissa, die schöne Larissa,
die beim Gresewitz immer ganz vorne sitzt?» «Gut, Orakel, du hast ja gewonnen. Aber glaubst du
vielleicht, das sei lustig, wenn die die von morgens bis abends nur von einer
reden?!» Trotzig-schmollend setzte sie hinzu: «Ich meine, ich
finde den Detlef schließlich auch ganz nett.» «Susanne, jetzt hör mir mal genau zu. Da gibt es nur eine
Lösung. Du erinnerst dich an das Oberseminar bei der Lemmings über
Liebesdiskurse?» Ihre Freundin nickte. «Gut. Und was haben wir da
gelernt? Das Phallische ist zur Diktatur gezwungen, es sei denn, man …»
«Du meinst …das wäre aber zu gemein, oder?» Kiki
nickte langsam. «Doch, genau das meine ich. Du musst deine Männer
erziehen und beherrschen. Ich habe auch schon einen Plan für dich …» «Ihr sagt
mir jetzt bitte, was los ist, ja? Das ist ja nicht zum Aushalten! Keiner
redet mehr ein Wort, wie soll denn das weitergehen? Also lange mache ich
das nicht mehr mit, ist – das – klar?!» Susanne
Reuter stand, die Hände in die Seiten gestemmt, in der Küche der
Wohngemeinschaft und sah ihre drei Mitbewohner nacheinander mit
flammendem Blick in die Augen. Detlef, Beat und Othmar saßen schuldbewußt
und kleinlaut am Küchentisch. Es herrschte beklemmendes Schweigen.
Vorsichtig setzte Beat seine Kaffeetasse ab, als fürchtete er, zuviel Lärm
zu verursachen. Othmar blies den Rauch seiner Zigarette in kleinen
Kringeln in die Luft. Die Schachtel war schon wieder fast leer. Schließlich
war es Detlef, der Susanne nun offiziell in die aberwitzige Wette des
Trios einweihte: «Das mag
jetzt komisch klingen, was ich dir da erzähle. Ich weiß eigentlich
auch nicht mehr genau, wie das alles angefangen hat. Also, ich will
nicht um den heißen Brei herum reden. Wir, das heißt: wir drei, haben
alle ein Auge auf die gleiche Frau geworfen» – außer in Gegenwart
von Susanne pflegte Detlef Frauen grundsätzlich entweder als «Zicken»
oder «Tussen» zu bezeichnen, wie Beat festgestellt hatte – «ja, und
deshalb hängen hier auch so dicke Wolken in letzter Zeit. Und weil wir
alle richtig galante Kavaliere sind, haben wir uns halt was ganz
Besonders ausgedacht. Und zwar folgendes: Jeder von uns schreibt ein
Gedicht auf Larissa – ach ja so heißt die Frau übrigens.» Susanne hörte
zu, als hätte sie nichts geahnt. «Aha. Das
habt ihr euch wohl bei diesem Besäufnis am letzten ‹Männerabend›
ausgedacht, was?» «Nun ja»
fuhr Detlef mit Engelsmiene fort, «du weißt ja, wie wir Männer so
sind» – Beat fand Detlefs heuchlerische Tour langsam unausstehlich
– «aber es kommt noch besser: Wir haben alle unsere Gedichte an
‹Vielseitig› eingeschickt, du weißt schon, diesen Poesiewettbewerb
an der Uni. Und wer den Wettbewerb gewinnt, das heißt: wer am weitesten
kommt, der kriegt auch den ersten Preis.» «Den ersten
Preis?» Susanne spielte die Unschuldige. «Tja, der
erste Preis, der wird selbstverständlich in Naturalien ausbezahlt.»
Das kam von Othmar, begleitet von einem dreckigen Lachen. Susanne war
nun zwar doch schockiert über diese geballte männliche Primitivität
und Dummheit, aber sie war fest entschlossen, den mit Kiki gefaßten
Plan bis zum Ende durchzuführen. Und so verbarg sie ihre Empörung und
setzte ein verschmitztes Lächeln auf: «Oh là là,
das ist aber süß. Ein Sängerwettstreit sozusagen.» Dann senkte sie
die Stimme und blickte verschwörerisch in die Runde. «Weshalb hat mir
denn keiner etwas davon erzählt? Die gute Susanne hält doch dicht.
Aber darf ich euch einen Rat geben?» Die drei Männer
blickten sie auffordernd an. «Das mit
‹Vielseitig› ist ja eine tolle Idee», heuchelte Susanne, «aber
mich würde an eurer Stelle schon auch interessieren, welches Gedicht
ihr selbst am besten findet, für wen denn eigentlich das Herz eurer
bezaubernden Larissa schlägt!» «Ja gut,
aber was schlügst du denn im Endeffekt vor, Susann?» Beat wurde
langsam ungeduldig, das Ganze war ihm nun doch zu kompliziert geworden. Triumph lag
auf Susannes Gesicht. Langsam betonte sie jedes Wort: «Es gibt
nur eine Person, die
entscheiden kann, wer das beste Gedicht auf Larissa geschrieben hat –
sie selbst.» Hier legte sie eine Pause ein und griff sich einen Apfel,
den sie sorgfältig zerlegte. «Ja, es gibt überhaupt nur diese eine Lösung:
Larissa muß die Gedichte selbst beurteilen. Wenn ihr wollt, kann ich
sie ihr sogar geben – ich kenne sie nämlich, wenn auch nur flüchtig.
Und ihre Entscheidung gilt.» Detlef sah
Susanne ungläubig an: «Das würdest du wirklich tun? Also ich bin
absolut einverstanden. Du bist und bleibst doch die Beste!» Er konnte
ja nicht ahnen, was für einen schmerzhaften Stich er Susanne mit dieser
letzten Bemerkung versetzte. Nacht, du dunkle In der einzig leuchtet was
mein Herz erquickt – Komm,
du dunkle Nacht Bring
Kühlung mir. Labung
bring dem Abgekämpften An
Verzweiflung schier Zerbrechenden Dem
nicht gelingen mag ein Lied Zu
singen auf das Ros’ der Wangen Die
nicht einmal Catull zu beschreiben vermocht. Nun
geh auch wieder, geh Lass
Eos Morgen zaubern, daß Mein
Aug’ aufs neu erblick’ Den
Lilienhals, den krönt Das
einzige – ihr Haupt!
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Florian Gelzer & Ilja Karenovics |