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as Außergewöhnliche
an Larissa war, daß sie sich trotz ihres ausgeprägten Verstandes eine
erfrischende Natürlichkeit bewahrt hatte. Und das war mitnichten
selbstverständlich, denn nichts hindert so sehr natürlich zu sein, wie
der Wunsch, es zu scheinen. Es konnte gar nicht sein, daß sie sich
ihrer Wirkung auf Männer nicht bewußt war – und doch hätte man dies
annehmen müssen, wenn man beobachtete, wie selbstverständlich und in
jeder Hinsicht unverstellt sie war. Sie war einfach Larissa. «Ist hier
noch frei?» «Nein, hier
kommt noch wer, aber daneben ist frei.» «Danke.» Ein
Verliebter wehrt sich vehement gegen die Binsenwahrheit, daß Liebe
blind mache – er hält jene höhere dagegen: «Der ersten Liebe
goldne Zeit, das Auge sieht den Himmel offen» – und ein Himmel ist ihm
die Erde. Er wird sogar einräumen, daß der Gemeinplatz von der
Blindheit der Verliebten in den meisten Fällen sicherlich zutreffe,
niemals aber in seinem eigenen, konkreten, einzigartigen Fall. Was der
verblendete Liebende dem Sprichwort zufolge aus seiner Sicht der Dinge
ausblendet, bleibt ihm nicht deshalb verborgen, weil er etwa blind wäre,
sondern weil es schlechterdings nicht vorhanden ist – basta. Und
sollte allmählich doch einiges davon – zumindest ansatzweise – in
Erscheinung treten, so handelt es sich selbstverständlich um äußerst
liebenswerte Schrullen, die die Einzigartigkeit der Einzigen nur
unterstreichen und die Verliebtheit nachträglich aufs trefflichste zu
rechtfertigen vermögen. Über kurz oder lang schwindet die Blindheit:
Der Verliebte wird sich nun eingestehen, daß bisweilen auch ein
Sprichwort rechtbehalten kann. Aber nicht ganz! Sein Gefühl gebietet
ihm, die Klinge des Verstandes in der Scheide zu halten – nun ja. Und
wenn auch eine andere um so und soviel schöner, klüger, warmherziger,
anziehender wäre – ein Vergleich, der das Ganze ins Auge faßte, würde
doch unfehlbar zugunsten der Einen, noch immer Einzigen, ausfallen. «Entschuldigung,
gibt es hier sowas wie ein Programm – oder können Sie mir vielleicht
sagen, wer jetzt drankommt?» «Vor dem
Eingang liegen Zettel aus – jedenfalls waren vor ein paar Minuten noch
welche da.» «Vielen
Dank.» Bei Larissa
war das anders. Ein oberflächlicher Vergleich würde vielleicht zu
ihren Ungunsten ausfallen können, wenn ihr Eindruck nicht mehr frisch
genug im Gedächtnis haftete. Sobald man aber in ihren Umkreis trat,
fielen all solche Zweifel und Anfechtungen von einem ab. Oder war
Jochen blind? Nein, er konnte das alles ganz objektiv beurteilen.
Schließlich war er nicht – verliebt. Jochen war
im Dienst. Nach getaner Arbeit saß er in Reihe 12 des großen Hörsaals.
Langsam wurde er unruhig. Sollte er den Platz neben sich freigeben?
Immerhin wollte sie versuchen, nach der Probe zu kommen, das hatte sie
ihm versprochen. Heute fanden
an einem einzigen Tag sämtliche Probevorlesungen der fünf in die
engere Auswahl gelangten IKS-Kandidaten statt. Jochen hatte gehört, daß
sie aus 68 Bewerbern ausgewählt worden waren, und wartete nun gespannt
auf diese Heroen des Geistes, die es so weit geschafft hatten. Da das
IKS noch im Bau war und jeder Hörsaal der Universität das
erfahrungsgemäß äußerst geringe Interesse des Publikums allzu
beleidigend offenbart hätte, war man darauf verfallen, für diesen
Zweck den kleinen «Hafer-Saal» des Brotmuseums anzumieten. Das hatte
den erfreulichen Nebeneffekt, daß die «Verankerung der Universität im
Kulturleben der Stadt» durch diese Ausquartierung symbolisch sehr schön
zum Ausdruck kam. Praktischerweise war dank der fieberhaft erwarteten Eröffnung
der Sonderausstellung schon alles vorbereitet: die Stuhlreihen komplett,
das Rednerpult an seinem Platz. «Steh’
auf, du Volk, zum Erntetag!» las Jochen halbbewußt auf einem riesigen
Banner über dem Rednerpult und wollte aufspringen – aber zu spät.
Sicher hatte er jetzt knallrote Wangen. «Vor braunen Schnitterreihen
fliegt / die Fahne, die die Not besiegt.» Verdammt! Er hatte vergessen,
die letzten zwei dieser idiotischen Original-Spruchbänder aus den dreißiger
Jahren abzudecken, deren teurer Erwerb Herrn Bödele mit soviel Stolz
erfüllte. Beinahe wäre
Professor Martin A. Gresewitz gestolpert, als er mit
jugendlich-federndem Schritt die fünf Stufen zum Podium nahm. «Ganz,
ganz herzlich» begrüßte er das «so erfreulich zahlreich erschienene
Publikum» – was der Realität, milde gesagt, Hohn sprach. Er zeigte
sich höchst erfreut, die fünf Lehrstuhlanwärter (und Gott sei Dank
auch eine weibliche Kandidatin!) anzukündigen. Ein sechster, setzte er
hinzu, liefe in dem Rennen gleichsam unsichtbar mit: Für Prof. Jurgis
Smetona aus Litauen, dessen Flug zu bezahlen sich weder das IKS noch
seine finanziell gebeutelte Heimatuniversität in der Lage gesehen
hatten, sei die strapaziöse Anreise im Auto bei dem ja doch offenen
Ausgang des Vorsingens schlechterdings unzumutbar gewesen. Gresewitz bat
um Verständnis für diese Sonderbehandlung und wies darauf hin, daß
diese ja nicht nur Vorteile für den Kandidaten böte, der ja immerhin
eine Chance verpasse, sich mündlich zu profilieren und nun ausschließlich
aufgrund seiner Schriften beurteilt werden müsse: «Ich darf
aber doch ausdrücklich erwähnen, daß es sich bei dem Kollegen Smetona
um einen sehr qualifizierten Wissenschaftler handelt, wovon Sie sich
anhand seines jüngsten Werkes mit dem etwas essayistischen Titel
‹Warum Peter Handke den Weg ins Baltikum nicht fand› überzeugen können.
Ich glaube, wir haben ein Exemplar davon in der Insitutsbibliothek.» «Herr
Schultze-Seiler?» Mit einem nicht weiter erwähnenswerten jovialen
Scherz, der die Kandidaten beruhigen und ihnen das Publikum gewogen
stimmen sollte, überließ Gresewitz – er trug zur Feier des Tages
eine blau-silbern glitzernde Fliege – dem ersten, umständlich-biographisch
eingeführten Redner das Podium. Der beste
Skiläufer wählt die tiefste Startnummer. Die hätte jeder am liebsten:
Noch ist die Piste jungfräulich, später werden die Spuren der Vorläufer
schon unübersehbar und hinderlich sein. Der Erste setzt den Maßstab.
Nicht jeder ist aber dazu berufen. Wer zuerst fährt, muß sicher
fahren. Er hat keine Gelegenheit, sich der Stimmung des Publikums, den
Leistungen der Mitstreiter anzupassen, und er weiß nicht, was an
heiklen Kurven, gefährlichen Vereisungen und Unebenheiten auf ihn
zukommt – denn keiner war vor ihm da. Horst Schultze-Seiler aber war
ein Erstling. «Meine sehr
geehrten Damen und Herren, Herr Institutsleiter, lieber Martin! Sie werden
mir verzeihen, wenn ich als vom Jetlag gebeutelter Diener der
Gelehrsamkeit, der überdies – den meisten von Ihnen ist das geläufig
– auf zwei Hochzeiten zu tanzen pflegt – der amerikanistischen hier,
der germanistischen dort –, wobei er den transatlantischen Spagat mit
chronischer Heimatlosigkeit in geographischer wie in fachlicher Hinsicht
bezahlen muß; Sie werden mir also verzeihen, besonders die
Spezialistinnen unter Ihnen, wenn ich den thematischen Bogen manchmal
assoziativ ungewöhnlich weit überspanne. – Allerdings (ich lasse
mich gerne korrigieren) scheint mir diese Spannbreite in Ihrem äußerst
interessanten Projekt hier ja durchaus intendiert zu sein. However, ich
hoffe jedenfalls, daß der Pfeil meiner Ausführungen trotz – oder
gerade wegen? – dieses Hybridantriebs mehr oder weniger ins Schwarze
trifft. Dies zu beurteilen und damit meinen Text allererst, wenn auch
immer nur vorläufig, abzuschließen, ist der Ihnen, wertes Publikum, in
diesem kulturologischen Spiel zugedachte Part. Faust, meine
Damen und Herren, inszeniert mit Freitag Hamlet für Robinson. Das
schlechthin Andere, gleichwohl schon immer subtextuell Präsente, narrt
den allzu geschulten Rosetta-Blick des schriftzeichenkundigen Eroberers
im Paralleluniversum der Intertexte. Vorschnell wirft er, der
darwinistisch Getriebene, seinen Faust aus dem Tornister und vertraut
lieber auf den Schirm in seiner eigenen. Nicht ahnend übrigens, welch
Survivalkit im buchstäblichen Sinne, ja was für einen reißfesten
Ariadnefaden er damit in vermeintlich souveräner Geste leichtfertig aus
der Hand gibt. Ein Thomas, sieht er wohl des Anderen Spur, vermag ihr
aber als Abkömmling der Modernen, Allzumodernen nicht mehr zu trauen,
nicht mehr zu folgen; sie vermag ihn nicht zu führen, nimmt er zurecht
an, sie führt, so meint er zu wissen, nur zur ihr, der Spur selbst, sie
tritt immer und immer wieder nur in ihre eigenen Fußstapfen und
vermehrt die Phantomzeichen – und, so meine ich, hier irrt er und mit
ihm wir. Denn ist es wirklich legitim ...» Der Redner
sprach schnell, gewandt, angenehm, brillant. Zugegeben, auch bei
Bellnauer Dozenten gab es bisweilen lichte Momente, Gedankenblitze, die
den Zuhörer mitzureißen vermochten. Aber so etwas hatte Jochen noch
nie erlebt. Er verstand nicht allzu viel, aber mit heißen Ohren folgte
er hochkonzentriert den schönen Worten, hinter denen er Großes
vermutete. «Freitag,
Robinsons Eckermann, hebt den Faust auf, um mit seiner Hilfe für
Robinson den Hamlet zu inszenieren, jenen Hamlet, den wir mit Robinson
so gut zu kennen wähnen wie keinen zweiten Bekannten aus der Literatur.
Indes …» Hinten im
Saal wurde es unruhig, was Jochen ärgerte. Kaum hatte da mal jemand
wirklich etwas zu sagen, ragte endlich einer aus dem öden Einerlei
heraus, benahm sich das träge akademische Publikum keinen Deut besser
als die unvermeidlichen Huster im klassischen Konzert. Geräuschvoll
erhoben sich nun einige in Jochens Reihe – offenbar hatte hier jemand
nicht nur die Frechheit, zu spät zu kommen, sondern auch noch die
Dreistigkeit, sich rücksichtslos bis in die Mitte der Sitzreihe
vorzuarbeiten. «Dieser
Hamlet aber nimmt Robinson bei der Hand und führt ihn sicher auf
Freitags Spur zu sich selbst – zu Robinson. Robinson ist im Anderen zu
Hause angekommen. Meine Damen und Herren, ich sehe die Relevanz einer
postpostmodernen Kritik …» An dieser
Stelle hörte Jochen von rechts Geflüster, gefolgt von einem kurzen,
quirligen Auflachen. Er wandte sich verärgert um – und sah Larissa
auf sich zukommen. Gefolgt von Wembel. Reflexartig drehte Jochen den
Kopf zurück. Starr blickte er auf das Podium, aber er hörte nichts als
diffuses Wortgeklingel, so sehr er sich auch anstrengte. Larissa konnte
er sich also abschminken. Definitiv. Unerklärlicherweise hatte Wembel
den Ruf eines Womanizers, worüber Jochen bisher nur müde lächeln
konnte. Aber irgendwas mußte wohl doch dran sein. Larissa saß
inzwischen neben ihm und versuchte wohl, sich zu orientieren. Und da
nahm er wieder diesen unaufdringlichen, unvergleichlich sanften Duft
wahr, den Duft von frischgewaschenem Larissa-Haar. Aber das war jetzt
nichts als lästig.. Überhaupt war das jetzt völlig egal. Was suchte
er überhaupt noch hier? Vorn stand inzwischen längst die nächste
Kandidatin und gab ihre Ansichten zu «Postkolonialer Migration und
Transformation in kulturpsychologischer Sicht» zum besten, und Wembel hörte
interessiert zu. Keinen Blick würde Jochen mehr an Larissa
verschwenden. Und was auch immer sie mit Wembel hatte, ihm konnte das
jetzt gleichgültig sein! Plötzlich
überlief ihn ein Schauer, der seinen ganzen Körper erfaßte, und er
erstarrte vollends. Das waren die unendlich zarten, beinahe unsichtbaren
Goldhaare, die Larissas weichen Lockenschopf umkräuselten, der sich
unvermittelt auf seine Schulter gesenkt hatte. Schelmisch sah sie ihn
kurz von der Seite an und gab leise Schnarchgeräusche von sich. Wieder
schien sie nur mit Mühe ihr ansteckendes Lachen unterdrücken zu können.
Als sie merkte, daß Jochen wie festgefroren geradeaussah, wurde sie
sehr ernst und blickte ihn ruhig und fragend an. «Was ist?»,
flüsterte sie ihm ins Ohr und sah ihn wieder an. «Das
zentrale Problem der Identitätsfindung in der postkolonialen
Konstellation sehe ich als Prozeß, der durch die widersprüchlichen
Affekte des Verlangens nach und der Furcht vor dem Anderen in der Bemühung
um reziproke Anerkennung gekennzeichnet ist», dozierte Gudrun Drobitzki,
Jochen küßte heftig Larissa – und Wembel sah relativ ratlos herüber. Auf seinem
Bett ausgestreckt las Detlef Kiesel den Brief, den ihm Susanne von
Larissa überbracht hatte, zum tausendsten Mal: Lieber (noch) unbekannter
Kavalier, offensichtlich gibt es in
unserer kalten und schnellebigen Zeit doch noch Menschen, die fühlen,
träumen – lieben können. Ich habe jedenfalls schon fast nicht mehr
daran glauben mögen. Was für eine schöne altmodische Idee, sich mit
Kopf und Herz auf diese originelle Weise zu messen! Und ich darf mich
angesprochen fühlen – das schmeichelt mir sehr, ich gebe es zu. Aber ich muß gestehen, daß
von allen Gedichten nur eines sofort mein Herz erobert hat. Es ist das
Gedicht mit dem «Lilienhals» und dem «Ros’ der Wangen, die nicht
einmal Catull zu beschreiben vermocht» – du kennst es besser als
jeder andere auf dieser Welt. Gib mir doch in den nächsten Tagen ein
Zeichen, ich warte mit «klopfendem Herzen», um noch einmal dein
Gedicht zu zitieren, auf Dich! Je t’embrasse, Larissa P. S. Bitte erzähle Deinen
befreundeten Kavalieren nichts von diesem Brief. Versprochen? Detlef
konnte nicht ahnen, daß zur gleichen Zeit auch Othmar Asche und Beat
Inderbitzin einen bis auf ein paar kleine Abweichungen identischen, von
Susanne und Kiki ebenso sorgfältig komponierten Brief in den Händen
hielten. Michael
Plunz schob das Tablett mit dem noch halbvollen Plastikteller auf das Förderband.
Der Inhalt des Tellers erinnerte ihn einmal mehr fatal an die «Schülerspeisung»
der Polytechnischen Oberschule Flöha, die während seiner
realexistierenden Schulzeit im Osten allmittäglich in der Kantine des
nahegelegenen Nylon-Kombinats stattgefunden hatte. Solche Erinnerungen
rief das fade Einheitsessen immer dann in ihm hervor, wenn er in der
Mensa allein essen mußte. Im Gedränge
an der Geschirrückgabe stieß Michael auf seinen Kommilitonen Holger
Salomon, einen hochgewachsenen, weißblonden Studenten mit etwas
hypertrophem Unterkiefer, der ihm auf unerklärliche Weise zu einer Aura
souveräner Gelassenheit und uanfechtbarer Kompetenz verhalf. Man
beschloß, nachdem man sich zum Essen wieder einmal verpaßt hatte,
wenigstens gemeinsam Kaffe zu trinken. Sie schlenderten über den
windigen Vorplatz der Universität auf die Minigolf-Anlage zu, deren
kleines Klublokal nicht nur den besten Kaffee in Uninähe bot, sondern
diesen Umstand bisher auch noch erfolgreich geheimzuhalten vermochte.
Bei der
zweiten Tasse verschluckte sich Holger plötzlich und wies mit einer
vielsagenden Kopfbewegung auf die Glasfront des Cafés, hinter der sich
ein seltsamer Anblick darbot. Michael Plunz sah auf dem Minigolfplatz,
über den der kalte Herbstwind in immer neuen Anläufen Laub und dürre
Zweige vor sich hertrieb, drei Gestalten, denen es sichtlich schwerfiel,
sich bei diesem Wetter über die Bahn hinweg zu verständigen. Es waren
die letzten Tage in der Saison, an denen die Anlage noch geöffnet
hatte. Die drei Gestalten erkannte Michael nacheinander als den bis zum
Überdruß «schönen Doktor» Claassen, Schmierstoff-Grüske-Julius und
– ihr Idol Henning Wembel. Fürwahr eine recht seltsame Kombination.
Die beiden Studenten waren sich schnell einig, daß eine Begegnung mit
diesem Trio nicht unbedingt sein mußte, wenn sie sich denn vermeiden
ließ. Die beiden jungen Männer bezahlten mit einem gewissen Bedauern
ihre Rechnung bei der großbusigen Doris, die das Geld mit einem
lasziven Blick entgegennahm. Doris gab der biederen Cafeteria in den
Augen der beiden Studenten eine anziehende Verruchtheit und war der
eigentliche Grund ihrer häufigen Besuche. Der heutige fiel bedauerlich
kurz aus. Die drei
Herren auf dem Platz allerdings blieben. Sie waren noch nicht über die
zweite Bahn hinausgekommen. Es war auch völlig hoffnungslos, unter
diesen Umständen Minigolf spielen zu wollen. Auf ihre Schläger gestützt,
unterhielten sie sich durch den Wind, ihre Stimmen klangen erregt, nicht
nur wegen des Sturms, gegen den sie anreden mußten. «Eine
Frechheit!», sagte Claassen. «Wirklich
dreist, was glaubt der, wer er ist!», pflichtete ihm Grüske-Julius
bei. «Gresewitz
eben, was erwartet ihr denn», stimmte Wembel mit einem bitteren
Auflachen ein. «Gut, daß
Schultze-Seiler für Bellnau eine Nummer zu groß ist –
einverstanden, aber immer noch besser als einer, von dem man noch nicht
mal sicher sein kann, daß es ihn gibt!» «Klar,
Jens, aber der Punkt ist doch, daß wir leider davon ausgehen müssen,
daß es bei denen sehr wohl so eine Art Uni gibt, und daß dieser
Smetana, oder wie er heißt, sogar ein ziemlicher Crack ist. Ich hab mal
einen Blick in seine Sachen geworfen …» «Und?»
unterbrach ihn Grüske-Julius mit der Neugier des Laien, der sich bewußt
ist, daß er gleich ein Expertenurteil vernehmen wird «Extrem
konventionell – der glaubt noch an einen Autor, der uns ne Botschaft
vermitteln will – aber meine Herrn!»,
Wembel wiegte bedeutungsschwer den Kopf, so daß der Wind ihm sein
Langhaar um die hängenden Wangen blies. «Also müssen
wir uns doch warm anziehen!» zog Grüske-Julius den einzig richtigen
Schluß. Claassen
schlug aggressiv einen Ball in die Luft: «Gemach, gemach, noch ist der
Alte ja nicht durch damit. Vielleicht kommt Deine Chance ja noch. Kopf
hoch, Henning!» «Dank dir,
Lieber. Aber weißt du, was mich am meisten schafft?» Wembel blickte
aus müden, schwermütigen Hundeaugen von unten unter seiner verwehten
Tolle hervor und gab sich die Antwort gleich selbst: «Was ich nicht
abkann, ist dieser immanente Zynismus, und der steht mir bis hier nach
diesen ewigen Berufungen! Mensch, weißt Du – ach, vergiß es einfach
…» Die
tragische Stimmung hatte inzwischen auch den Ingenieur Grüske-Julius
ergriffen. «Eins
verstehe ich nicht: Der Passus von wegen Erhöhung des Frauenanteils –
ist das eigentlich nur pro forma? Ich meine, wenn schon mal eine Frau
den Mut hat und sich bewirbt, dann hätte die, finde ich, doch auch eine
echte Chance verdient!» «Laß doch
die Heuchelei, dir wäre doch sowieso dein Ethno-Vetter am liebsten
gewesen», sagte Claassen in schockierender Offenheit, während er an
seinem Schläger herumfummelte, und Grüske-Julius schwieg nach einem
hilflos-giftigen Blick beleidigt. Wembel
lenkte ab. «Na ja, ich weiß nicht, die Drobitzki mit ihrem
gutgemeinten Postkolonialismus, irgendwie ist das doch auch schon wieder
passé … Mir hat der Bamberger Lacanianer imponiert. Ehrlich, Jens,
ich hab zum erstenmal das Gefühl gehabt, davon was zu verstehen.» Es begann zu
tropfen, und Doris beeilte sich, die Anlage zu schließen. Nach einem
traurigen Handschlag machte sich die Runde auf den Weg. Grüske-Julius
bestieg seinen Range-Rover, der wie für dieses Wetter gemacht schien.
Wembel hatte das Angebot, ihn mitzunehmen, ausgeschlagen: er wolle noch
ein wenig den Kopf durchlüften – seinen alten giftgrünen Polo zwang
er nur bei extremen Wetterverhältnissen zum Einsatz. Claassen glitt grüßend
in einem Jaguar vorbei, den zuvor noch niemand gesehen hatte. Wembel kämpfte
im stärker werdenden Regen gegen den Wind an. Es wurde langsam düster,
und er bereute insgeheim, wieder einmal die Einsamkeit vorgezogen zu
haben. Aber so es war ja immer, am Schluß stand man allein in der Scheiße,
dachte er. Zu allem Überfluß bemerkte er, als er die Hände in die
Manteltaschen stecken wollte, daß er die ganze Zeit über den
Minigolfschläger mitgeschleppt hatte. Er spürte, wie seine
wohltemperierte Bitternis in befreienden Groll umschlug. Vorsichtig
blickte Professor Dr. Henning Wembel sich nach allen Seiten um, riß
entschlossen den silbernen Minigolfschläger hoch und drosch mit vier
gezielten, monotonen Schlägen auf die Windschutzscheibe des Wagens ein,
der neben ihm parkte. Der Wandrer auf der Laarley (Nach
einer wahren Begebenheit) Die
Laarley, unbekannt als Fee und Felsen, ist
jener Flecken ob der Laar, von Bellnau nicht zu weit, wo
früher Schiffer mit verdrehten Hälsen, der
dunklen Schönen Leib und Leben einst geweiht. Wir
wandeln uns. Die Schiffer inbegriffen. Gezähmt
und reguliert ist längst die Laar. Die
Zeit vergeht. Man stirbt nicht mehr beim Schiffen, bloß
weil ein lockig Weib sich kämmt das Haar. Nichtsdestotrotz
geschieht auch heutzutage noch
manches, was der Vorzeit ähnlich sieht. So
alt ist keine deutsche Dichtersage, daß
sie nicht doch noch Helden nach sich zieht. Erst
neulich machte auf dem Laarley-Fels hoch
ob der Laar ein Wandrer einen Gang! Er
stand allein am Rande des Rondells als
er verzaubert ward durch süß’ Gesang. Er
stand, als ob er auf dem Gotthard stünde. Mit
hohlem Kreuz. Und lustentwöhnten Zügen. Man
frage nicht: Was hatte er für Gründe? Er
war kein Held. Das dürfte wohl genügen. Er
stand, entrückt, im Abensonnenscheine. Da
trübte Wehmut seinen Kennerblick. Er
dachte an die Loreley von Heine. Lang
sann er nach. Er dacht’ an sein Geschick. Er
ging als Held. Man muß ihn nicht beweinen. Sein
Abgang war vom Schicksal überstrahlt. Ein
Augenblick mit der ersehnten Einen wär’
kaum zu teuer mit dem Tod bezahlt! Beat
Inderbitzin Das
historische Kellertheater im Hauptgebäude der Bellnauer Universität
war schon beinahe gefährlich voll besetzt. In einer guten halben Stunde
sollte das Finale losgehen. Othmar Asche war zum erstenmal im
Theaterkeller. Die etwas gezierte, ja affektierte Art der
Berufsliteraten hatte ihm schon immer Eindruck gemacht. Er hatte
beobachtet, daß man in dieser Szene nicht unbedingt auffiel, wenn man
klug zu reden versuchte – das war ihm sowieso noch nie gelungen –,
sondern im Gegenteil an Respekt gewann, wenn man bei Gesprächen
prinzipiell schwieg, oder allenfalls tiefgründig und bedeutungsvoll
nickte. Und so stand er neben dem schon deutlich angetrunkenen Gottfried
Portmann, dem «Bukowski von Bellnau», an der Bar, nickte tiefgründig,
als dieser ihm mit schwerer Zunge schilderte, wie zu seiner Studienzeit
in diesem Keller noch der Teufel losgewesen sei, und als Portmann ihm
zwei Gläser Wein später die Hand auf die Schulter legte und ihm fast
beschwörend mitteilte, daß es für ihn eigentlich nur drei Autoren überhaupt
gebe, die etwas zählten: Ernst Jünger, Hans Henny Jahn und Ernst Jünger,
da nickte Othmar Asche bedeutungsvoll. Othmar hatte
das Gefühl, die ganze gottverdammte Literaturbande zu durchschauen: Um
selbst dazuzugehören, oder gar von ihr gefeiert zu werden, kam es auf
zwei Dinge an: Erstens war es wichtig, mit den richtigen Leuten zu
verkehren, zweitens mußte man natürlich irgend etwas geschrieben
haben. Viel aber, das war Othmar aufgefallen, brauchte das gar nicht zu
sein. Die meisten aufstrebenden Schriftsteller, die er kannte, zeigten
nur ungern etwas von ihrer Produktion – wenn sie denn überhaupt
existierte. Entscheidend war nur, daß man sagen konnte, man sei «an
etwas dran». Im Innersten fühlte sich Othmar dennoch nicht ganz wohl
inmitten dieser anämischen, bebrillten, meist leidend dreinblickenden
Menschen. Aber hier
ging es um einen Kampf. Unter Männern. Und diesen Kampf würde er
gewinnen. Eigentlich ging es ihm überhaupt nicht ums Dichten, ja selbst
um Larissa nur in zweiter Linie: daß man die mit ein paar Verschen
beeindrucken konnte, war ja vorauszusehen – nun ja, schmeichelhaft war
es schon, was sie geschrieben hatte. Nein, es ging ums Gewinnen, um den
Sieg. Der
Poesiewettbewerb «Vielseitig» war auf derart großen Anklang gestoßen,
daß die Veranstalter – allesamt Studenten –, ob der hohen Anzahl
von Einsendungen erstaunt, vom heutigen Andrang augenscheinlich etwas überfordert
waren. Von den über 250 eingereichten Gedichten waren von einer paritätisch
zusammengesetzten Jury zwanzig ausgewählt worden, die nun in einem
Finale dem Publikum vorgestellt werden sollten, das anschließend den
Sieger erküren durfte. Es war alles da, was in der kleinen Bellnauer
Literatur- und Kulturszene Rang und Namen hatte: der altgediente Lyriker
und Stadtschreiber Hans Immergrün; die Bücherfrau Jenny Klepzik, die
sich auf mirakulöse Art und Weise in die Jury hatte hineinschmuggeln können,
gleichzeitig aber den kleinen «UraNuss»-Büchertisch betreute;
Gottfried Portmann, der dumpf und mit steinerner Miene an der kleinen
Bar seinen Bukowski gab; Henning Wembel, umschwärmt von einem Flor von
Anhängerinnen, nebst seinem Starschüler Detlef Kiesel. Einzig Dr. Ing.
Peter Grüske-Julius stand etwas verloren am Rande – er war als
Vertreter der Bellnauer Juliuswerke, die das ganze Spektakel finanziert
hatten, nolens volens mit dabei –, setzte aber eine überaus fachmännische
Miene auf. Überraschenderweise wurde auch Wenzel Klüstrow, der
Geistesinformatiker, gesichtet, was von den Veranstaltern als
schmeichelhaftes Zeichen gedeutet wurde: Klüstrow besuchte aus Prinzip
niemals literarische oder andere Abendveranstaltungen. Und nun saß er
plötzlich, mit angelaufener Brille und einem Bleistift in der Hand, in
der vierten Reihe, eifrig das Programm studierend, in dem die Gedichte
der Finalisten abgedruckt waren, und versah es mit zahlreichen
Randnotizen. Detlef
Kiesel, der nicht von Wembels Seite wich, hatte, als er in das
Kellertheater trat, seine beiden schärfsten Konkurrenten aus den
Augenwinkeln erblickt, aber keine Anstalten gemacht, sie zu grüßen.
Detlef war siegesgewiss. Er hatte nichts zu verlieren. Wembel hatte als
Mitglied der Jury unerlaubterweise durchsickern lassen, daß sein,
Detlefs, Gedicht sich deutlich von dem «restlichen seichten
Mode-Schrott» abhebe. Aber auch wenn er nicht den ersten Platz
erreichen sollte, selbst dann würde er noch einen Triumph zu
verzeichnen haben: Aus der persönlichen Fehde zwischen Othmar, Beat und
ihm, die den Anstoß zu ihrem ganz privaten Sängerkrieg gegeben hatte,
der ihn in seinem Ausgang weit mehr interessierte als der offizielle,
aus diesem grimmigen Kampf würde er als Sieger hervorgehen. Den Beweis
– Larissas Brief – trug er in der Innentasche seines mausgrauen
Anzugs. Die Arme
verschränkt, den Kopf eingezogen und still den Beginn der Veranstaltung
abwartend, saß Beat Inderbitzin in einer der hinteren Reihen des
Theaters. Er hatte sich eigentlich vorgenommen, nicht zu erscheinen,
weil ihm die ganze Sache zutiefst peinlich war. Nach der überraschenden
Antwort von Larissa hatte er sich dann aber doch noch entschieden, so
versöhnlich und kameradschaftlich wie möglich seinen Konkurrenten vor
die Augen zu treten. Beat hatte etliche Nächte ohne Schlaf verbracht,
seit er die leidige Wette mit seinen Mitbewohnern eingegangen war. Der
Gedanke, seine Angebetete mit selbstverfaßten Gedichten zu erfreuen,
war ihm nach der ersten schicksalhaften Begegnung an der Laar zwar auch
gekommen; aber ein veritabler Dichterwettstreit mit Prinzessin Larissa
als Preis – dagegen wehrte sich eigentlich alles in ihm. In seiner
Not hatte er sogar an seinen Mentor, Professor Kupfert, geschrieben und
ihm die ganze Sache – natürlich in jovialem Ton, abgeschwächt und
verharmlost – dargelegt. Der gute Professor Kupfert, offenbar von
ebenso nostalgischer wie kindlicher Freude erfüllt, hatte ihm
postwendend geantwortet und ihm zwei eng beschriebene Seiten lang zunächst
von seinen romantischen
Erlebnissen während seines Aufenthaltes
in Bellnau berichtet – von Kupferts angeblichen «glänzenden
Beziehungen» hatte Beat in Bellnau noch nicht profitieren können –,
bevor er dann, eher beiläufig und knapp, als hätte er vor lauter
Erinnerungen Beats dringliche Frage vergessen, den Ratschlag gegeben
hatte, doch vielleicht mit einem kleinen «Loreley»-Pastiche ins Rennen
zu steigen. In den darauffolgenden Nächten entstand dann unter
unendlichem Gefeile und Erich Kästner in einem Ausmaß verpflichtet, daß
es in die Nähe des Plagiats rückte, Beat Inderbitzins kleines «Laarley»-Gedicht,
das es sogar in die engere Wahl geschafft hatte. «Sehr
verehrte Damen und Herren, liebe Gästinnen und Gäste.» Jenny Klepzik
hatte, dies zeigte sich nun, den studentischen Veranstaltern selbst noch
die einleitende Ansprache «abgenommen» und sich so unaufdringlich,
aber bestimmt in den Vordergrund gearbeitet, wie Beat grimmig bemerkte.
«Liebe Studentinnen und Studenten, liebe Schriftstellerinnen und
Schriftsteller. Ich darf Sie ganz herzlich begrüßen zum diesjährigen
‹Vielseitig›-Wettbewerb. Zunächst darf ich aber noch um Applaus
bitten für die großzügige Unterstützung dieses Abends durch die
hiesigen Juliuswerke. Peter, du darfst ruhig mal aufstehen, ja?» Nachdem
ihrer kurzen Ansprache machte Jenny Klepzik eine etwas unbeholfene
einladende Geste und bat Hans Immergrün, den langjährigen Autor des «Bellnauer
Jahrbuchs» auf die Bühne. Immergrün, ein hochgewachsener hagerer
Mitvierziger, klaubte einen zerknautschten Notizzettel aus seiner
Jackettasche, setzte eine Lesebrille auf und verkündete dem überraschten
Publikum, daß kurzfristig noch ein zusätzlicher Text in die endgültige
Auswahl aufgenommen worden sei. Es handle sich dabei strenggenommen
nicht um ein Gedicht; der Text sei aber wegen seiner Poetizität, seiner
unsentimentalen lyrischen Art, ja und vor allem wegen seines
unverwechselbaren Tons, aber auch weil er in einem überraschenden
thematischen Gleichklang mit weiteren Gedichten des Abends stehe von der
Jury einstimmig in die Auswahl miteinbezogen worden, obschon er, nähme
man es ganz genau, nicht ganz rechtzeitig eingereicht worden sei –
doch eben dieses zögerliche Moment, die offensichtliche Scheu der
Verfasserin – oder des Verfassers? – vor der Öffentlichkeit, bürge
nachgerade für den hohen Grad an Authentizität des Textes. Die ganze
Jury – und er, Immergrün, zähle sich ausdrücklich mit dazu – habe
an diesem Text wieder einmal neu gelernt, zu was Literatur eigentlich
imstande sei. Während im
Publikum Zustimmung, aber auch vereinzelt Unmut hörbar wurde über
diese Entscheidung, wurde Beat Inderbitzin mählich von einer
apathischen Gleichgültigkeit überfallen. Er kannte dieses Gefühl und
hatte sogar einen Namen dafür, genauergenommen für das Urerlebnis, bei
dem es ihn zum ersten Mal überfallen hatte. Er nannte es das
Schomringer-Erlebnis, das noch auf seine Berner Assistenzzeit zurückging.
Er hatte noch kaum bei Kupfert als Assistent angefangen, als dieser ihm
wärmstens ans Herz legte, in Bern einen Vortrag des Schweizer
Schriftstellers und Pioniers der Konkreten Kunst, Ernst Schomringers, zu
besuchen. Beat hatte feierlich und erwartungsfroh aus seinem kümmerlichen
Assistentenlohn den hohen Eintritt von fünfundvierzig Schweizer Franken
bezahlt, um den Altmeister selbst seine Texte und Manifeste vortragen zu
hören. Was folgte war eine Katastrophe gewesen: In unsäglich sprödem
Tonfall schwadronierte der alternde Vertreter der Konkreten Poesie in
nicht enden wollenden Ausführungen über seinen Erfolg, seine Quellen,
seine Nachahmer – seine Lyrik, die genaugenommen nur aus einem
einzigen Poem bestand: dem aus zahlreichen Lesebüchern zur Genüge
bekannten Gedicht «Sonne», dem zudem ein verhältnismäßig platter
Einfall zugrunde lag: Um den Großbuchstaben O waren die Buchstaben S,
N, N und E derart gruppiert, daß sie mit einiger Phantasie als Strahlen
zum Sonnen-O gelesen weden konnten. Was Beat während dieses unsäglichen
Vortrags empfunden hatte, bezeichnete er seither als «Schomringer-Erlebnis»:
eine Mischung ganz verschiedener Gefühle, die ihn unvermittelt und wild
durcheinander überkamen: Desillusionierung – er hatte Schomringer für
einen ganz Großen gehalten –, akutes Desinteresse, Fluchtgedanken, lähmende
Bestürzung, grenzenlose Langeweile, Scham, Beklemmung. Dieser
absonderliche Gefühlssturz überkam ihn, so stellte Beat fest, einzig
und allein bei Dichterlesungen oder bei literarischen Veranstaltungen. Sein
Konkurrent Othmar war derweil nach der ersten Runde nicht mehr so
siegesgewiß wie zu Beginn. Ein Jurymitglied hatte «Komm dunkle Nacht»
ausgewählt und zu allem Überfluss in den Himmel gelobt. Überhaupt
interessierte ihn im Grunde nicht mehr, was die einzelnen Juroren zu den
Gedichten zu sagen hatten: Das einzige, was ihn in nervöser Spannung
hielt, war das Warten auf sein Gedicht, sein «Lento». Aber es wurde
immer enger. Gottfried Portmann, Henning Wembel und die anderen vier
Juroren der ersten Runde hatten ihre Wahl bereits getroffen, in der
zweiten Garnitur blieben also noch fünf Juroren übrig, darunter die
Klepzik. Othmar steckte sich die zwölfte Zigarette an. Die Füße
auf der vorderen Sitzreihe aufgestützt, lag Detlef Kiesel läßig in
seinem Stuhl, wartete mit unendlicher Gleichgültigkeit die weiteren Plädoyers
ab und setzte eine betont blasiert-gelangweilte Miene auf. Bei dem
unbeholfenen Brecht-Imitat, das als nächstes ausgewählt wurde,
schmunzelte er mitleidig; daß der Mediävistikassistent Tom Baader –
eine beinahe noch skurrilere Erscheinung als sein Chef Klüstrow –
Gefallen an Othmars albernem «Lento» gefunden hatte, nahm er amüsiert
zur Kenntnis – in der Schlußrunde hatte er von denen nichts zu befürchten.
Er hatte mit Henning Wembel verabredet, daß es besser sei, wenn Wembel
nicht sein Gedicht vorstellte – sie wollten böses Gerede vermeiden
–, aber offenbar hatte der Henning in der Jury ein gutes Wort für ihn
eingelegt: Über den enthusiastischen Lobgesang, den eine ihm unbekannte
Assistentin auf sein Gedicht angestimmt hatte, war Detlef dann doch
selbst etwas erstaunt gewesen. Der einzige Wermutstropfen war, daß
Beats Inderbitzins kümmerliches, in holprigen Iamben schaukelndes «Laarley»-Gedicht
– irgendwie kam es Detlef merkwürdig bekannt vor – es ebenfalls in
die engere Auswahl geschafft hatte. Nun war die
Reihe an Hans Immergrün. Er las, mit beinahe flehender Stimme, jedes
Wort von seinen Notizen ab: «Natürlich habe ich den Text – meinen
Text – nicht nach rein ästhetischen Gesichtspunkten ausgewählt. Das
soll man nicht. Das darf man nicht. Hier spricht eine Stimme, die noch
nichts weiß vom Zynismus unserer Tage, oder doch: Vielleicht hat Sie
ihn schon gespürt; aber die Verzweiflung wird weggespült von einem
Strom der Frische, der Liebe. Dies ist ja gar kein Gedicht, werden
vielleicht einige im Saal denken. Richtig. Aber es ist Lyrik. Es ist
Poesie …» Detlef legte
den Kopf schräg und maß die dünne, stets etwas gebückt gehende
Gestalt auf der Bühne mit Verachtung. Daß Immergrün die Chuzpe hatte,
einen Text außer Konkurrenz nachträglich hineinzuschmuggeln, war ja
ohnehin eine Frechheit; daß er nun aber offenbar diesen Text als
Jurymitglied selbst zu verteidigen sich anschickte, grenzte an Unverschämtheit.
Unverfrorenheit. Detlef suchte noch nach passenden Invektiven, mit denen
er nach der Veranstaltung mit Wembel über diesen naiven Lokalpoeten
herziehen konnte. Doch was jetzt kam, nahm ihm den Atem. Immergrün las
noch immer jedes Wort ab: «… nun
hat diese junge Frau, von der der Text spricht, aber eine Idee. Sie läßt
ihre Verehrer antreten. Zu einem Wettstreit. Einem Dichterwettstreit.
Ganz wie heute Abend. Und läßt uns teilhaben an ihrer schweren Wahl,
an der Entscheidung – an ihrer Antwort. Und wie eine Märchenfee gibt
uns die Antwort ein weiteres Rätsel auf. Bitte, Monika, den Text.» Auf
sein Zunicken hin las eine junge Studentin mit dünner Stimme, das
Manuskript mit beiden Händen festhaltend, den Text, den Hans Immergrün
soeben mit viel Pedal eingeführt hatte: «Lieber
(noch) unbekannter Kavalier, offensichtlich gibt es in unserer kalten
und schnellebigen Zeit doch noch Menschen, die fühlen, träumen –
lieben können. Ich habe jedenfalls schon fast nicht mehr daran glauben
mögen. Was für eine schöne altmodische Idee, sich mit Kopf und Herz
…» Detlef zog
seine Beine auf den Boden und fuhr herum. Diese Drecksau! Othmar! Wer
sonst könnte ihm diesen üblen Streich gespielt haben? Allerdings sah
Othmar auch ziemlich verdattert aus der Wäsche. «Und ich
darf mich angesprochen fühlen – das schmeichelt mir sehr, ich gebe es
zu. Aber ich muß gestehen, daß mir von allen Gedichten …» Beat
Inderbitzin war mittlerweile auch wieder hellwach und starrte mit
aufgerissenen Augen, gebannt und ungläubig auf die etwas unsichere
Studentin, die Larissas Brief etwa zweihundert Personen, die ihn alle
zumindest vom Sehen kannten, ungeniert vorlas. Beat fand, daß Detlef
diesmal eindeutig zu weit gegangen war. Dieser Scherz war mehr als
geschmacklos. Der Schluß des Briefes wurde allerdings verfälscht
zitiert: «… Es ist
das Gedicht von der ‹Laareley›, mit den ‹verrauschten Flüssen›,
jenem ‹Komm’ dunkle Nacht› – du kennst es besser als jeder
andere auf dieser Welt. Gib mir doch in den nächsten Tagen ein Zeichen,
ich warte mit «klopfendem Herzen», um noch einmal dein Gedicht zu
zitieren, auf Dich! Je t’embrasse, L. – P. S. Bitte erzähle Deinen
befreundeten Kavalieren nichts von diesem Brief. Versprochen?» Einen Augenblick lang herrschte absolute Stille. In die Stille gellte ein heiserer Schrei: «Skandal!» Dann begann jemand langsam, zögernd zu klatschen, bis der ganze Saal applaudierte. – Nein, vorne brach Tumult aus. Die Juroren fielen regelrecht über Hans Immergrün her, Ausrufe wie «Skandal!», «das ist eine unredliche Absprache!», «Regelbruch!» konkurrierten mit dem anhaltenden Applaus, der sich verselbständigt zu haben schien. [ nach oben | Home | Kap. 1 | Kap. 2 | Kap. 3 | Kap. 4 | Kap. 5 | Kap. 6 ] © Copyright
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