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IV

 

 

 

D

as Außergewöhnliche an Larissa war, daß sie sich trotz ihres ausgeprägten Verstandes eine erfrischende Natürlichkeit bewahrt hatte. Und das war mitnichten selbstverständlich, denn nichts hindert so sehr natürlich zu sein, wie der Wunsch, es zu scheinen. Es konnte gar nicht sein, daß sie sich ihrer Wirkung auf Männer nicht bewußt war – und doch hätte man dies annehmen müssen, wenn man beobachtete, wie selbstverständlich und in jeder Hinsicht unverstellt sie war. Sie war einfach Larissa.

«Ist hier noch frei?»

«Nein, hier kommt noch wer, aber daneben ist frei.»

«Danke.»

Ein Verliebter wehrt sich vehement gegen die Binsenwahrheit, daß Liebe blind mache –­ er hält jene höhere dagegen: «Der ersten Liebe goldne Zeit, das Auge sieht den Himmel offen» – und ein Himmel ist ihm die Erde. Er wird sogar einräumen, daß der Gemeinplatz von der Blindheit der Verliebten in den meisten Fällen sicherlich zutreffe, niemals aber in seinem eigenen, konkreten, einzigartigen Fall. Was der verblendete Liebende dem Sprichwort zufolge aus seiner Sicht der Dinge ausblendet, bleibt ihm nicht deshalb verborgen, weil er etwa blind wäre, sondern weil es schlechterdings nicht vorhanden ist – basta. Und sollte allmählich doch einiges davon – zumindest ansatzweise – in Erscheinung treten, so handelt es sich selbstverständlich um äußerst liebenswerte Schrullen, die die Einzigartigkeit der Einzigen nur unterstreichen und die Verliebtheit nachträglich aufs trefflichste zu rechtfertigen vermögen. Über kurz oder lang schwindet die Blindheit: Der Verliebte wird sich nun eingestehen, daß bisweilen auch ein Sprichwort rechtbehalten kann. Aber nicht ganz! Sein Gefühl gebietet ihm, die Klinge des Verstandes in der Scheide zu halten – nun ja. Und wenn auch eine andere um so und soviel schöner, klüger, warmherziger, anziehender wäre – ein Vergleich, der das Ganze ins Auge faßte, würde doch unfehlbar zugunsten der Einen, noch immer Einzigen, ausfallen.

«Entschuldigung, gibt es hier sowas wie ein Programm – oder können Sie mir vielleicht sagen, wer jetzt drankommt?»

«Vor dem Eingang liegen Zettel aus – jedenfalls waren vor ein paar Minuten noch welche da.»

«Vielen Dank.»

Bei Larissa war das anders. Ein oberflächlicher Vergleich würde vielleicht zu ihren Ungunsten ausfallen können, wenn ihr Eindruck nicht mehr frisch genug im Gedächtnis haftete. Sobald man aber in ihren Umkreis trat, fielen all solche Zweifel und Anfechtungen von einem ab. Oder war Jochen blind? Nein, er konnte das alles ganz objektiv beurteilen. Schließlich war er nicht – verliebt.

Jochen war im Dienst. Nach getaner Arbeit saß er in Reihe 12 des großen Hörsaals. Langsam wurde er unruhig. Sollte er den Platz neben sich freigeben? Immerhin wollte sie versuchen, nach der Probe zu kommen, das hatte sie ihm versprochen.

Heute fanden an einem einzigen Tag sämtliche Probevorlesungen der fünf in die engere Auswahl gelangten IKS-Kandidaten statt. Jochen hatte gehört, daß sie aus 68 Bewerbern ausgewählt worden waren, und wartete nun gespannt auf diese Heroen des Geistes, die es so weit geschafft hatten. Da das IKS noch im Bau war und jeder Hörsaal der Universität das erfahrungsgemäß äußerst geringe Interesse des Publikums allzu beleidigend offenbart hätte, war man darauf verfallen, für diesen Zweck den kleinen «Hafer-Saal» des Brotmuseums anzumieten. Das hatte den erfreulichen Nebeneffekt, daß die «Verankerung der Universität im Kulturleben der Stadt» durch diese Ausquartierung symbolisch sehr schön zum Ausdruck kam. Praktischerweise war dank der fieberhaft erwarteten Eröffnung der Sonderausstellung schon alles vorbereitet: die Stuhlreihen komplett, das Rednerpult an seinem Platz.

«Steh’ auf, du Volk, zum Erntetag!» las Jochen halbbewußt auf einem riesigen Banner über dem Rednerpult und wollte aufspringen – aber zu spät. Sicher hatte er jetzt knallrote Wangen. «Vor braunen Schnitterreihen fliegt / die Fahne, die die Not besiegt.» Verdammt! Er hatte vergessen, die letzten zwei dieser idiotischen Original-Spruchbänder aus den dreißiger Jahren abzudecken, deren teurer Erwerb Herrn Bödele mit soviel Stolz erfüllte.

Beinahe wäre Professor Martin A. Gresewitz gestolpert, als er mit jugendlich-federndem Schritt die fünf Stufen zum Podium nahm. «Ganz, ganz herzlich» begrüßte er das «so erfreulich zahlreich erschienene Publikum» – was der Realität, milde gesagt, Hohn sprach. Er zeigte sich höchst erfreut, die fünf Lehrstuhlanwärter (und Gott sei Dank auch eine weibliche Kandidatin!) anzukündigen. Ein sechster, setzte er hinzu, liefe in dem Rennen gleichsam unsichtbar mit: Für Prof. Jurgis Smetona aus Litauen, dessen Flug zu bezahlen sich weder das IKS noch seine finanziell gebeutelte Heimatuniversität in der Lage gesehen hatten, sei die strapaziöse Anreise im Auto bei dem ja doch offenen Ausgang des Vorsingens schlechterdings unzumutbar gewesen. Gresewitz bat um Verständnis für diese Sonderbehandlung und wies darauf hin, daß diese ja nicht nur Vorteile für den Kandidaten böte, der ja immerhin eine Chance verpasse, sich mündlich zu profilieren und nun ausschließlich aufgrund seiner Schriften beurteilt werden müsse:

«Ich darf aber doch ausdrücklich erwähnen, daß es sich bei dem Kollegen Smetona um einen sehr qualifizierten Wissenschaftler handelt, wovon Sie sich anhand seines jüngsten Werkes mit dem etwas essayistischen Titel ‹Warum Peter Handke den Weg ins Baltikum nicht fand› überzeugen können. Ich glaube, wir haben ein Exemplar davon in der Insitutsbibliothek.»

«Herr Schultze-Seiler?» Mit einem nicht weiter erwähnenswerten jovialen Scherz, der die Kandidaten beruhigen und ihnen das Publikum gewogen stimmen sollte, überließ Gresewitz – er trug zur Feier des Tages eine blau-silbern glitzernde Fliege – dem ersten, umständlich-biographisch eingeführten Redner das Podium.

Der beste Skiläufer wählt die tiefste Startnummer. Die hätte jeder am liebsten: Noch ist die Piste jungfräulich, später werden die Spuren der Vorläufer schon unübersehbar und hinderlich sein. Der Erste setzt den Maßstab. Nicht jeder ist aber dazu berufen. Wer zuerst fährt, muß sicher fahren. Er hat keine Gelegenheit, sich der Stimmung des Publikums, den Leistungen der Mitstreiter anzupassen, und er weiß nicht, was an heiklen Kurven, gefährlichen Vereisungen und Unebenheiten auf ihn zukommt – denn keiner war vor ihm da. Horst Schultze-Seiler aber war ein Erstling.

«Meine sehr geehrten Damen und Herren, Herr Institutsleiter, lieber Martin!

Sie werden mir verzeihen, wenn ich als vom Jetlag gebeutelter Diener der Gelehrsamkeit, der überdies – den meisten von Ihnen ist das geläufig – auf zwei Hochzeiten zu tanzen pflegt – der amerikanistischen hier, der germanistischen dort –, wobei er den transatlantischen Spagat mit chronischer Heimatlosigkeit in geographischer wie in fachlicher Hinsicht bezahlen muß; Sie werden mir also verzeihen, besonders die Spezialistinnen unter Ihnen, wenn ich den thematischen Bogen manchmal assoziativ ungewöhnlich weit überspanne. – Allerdings (ich lasse mich gerne korrigieren) scheint mir diese Spannbreite in Ihrem äußerst interessanten Projekt hier ja durchaus intendiert zu sein. However, ich hoffe jedenfalls, daß der Pfeil meiner Ausführungen trotz – oder gerade wegen? – dieses Hybridantriebs mehr oder weniger ins Schwarze trifft. Dies zu beurteilen und damit meinen Text allererst, wenn auch immer nur vorläufig, abzuschließen, ist der Ihnen, wertes Publikum, in diesem kulturologischen Spiel zugedachte Part.

Faust, meine Damen und Herren, inszeniert mit Freitag Hamlet für Robinson. Das schlechthin Andere, gleichwohl schon immer subtextuell Präsente, narrt den allzu geschulten Rosetta-Blick des schriftzeichenkundigen Eroberers im Paralleluniversum der Intertexte. Vorschnell wirft er, der darwinistisch Getriebene, seinen Faust aus dem Tornister und vertraut lieber auf den Schirm in seiner eigenen. Nicht ahnend übrigens, welch Survivalkit im buchstäblichen Sinne, ja was für einen reißfesten Ariadnefaden er damit in vermeintlich souveräner Geste leichtfertig aus der Hand gibt. Ein Thomas, sieht er wohl des Anderen Spur, vermag ihr aber als Abkömmling der Modernen, Allzumodernen nicht mehr zu trauen, nicht mehr zu folgen; sie vermag ihn nicht zu führen, nimmt er zurecht an, sie führt, so meint er zu wissen, nur zur ihr, der Spur selbst, sie tritt immer und immer wieder nur in ihre eigenen Fußstapfen und vermehrt die Phantomzeichen – und, so meine ich, hier irrt er und mit ihm wir. Denn ist es wirklich legitim ...»

Der Redner sprach schnell, gewandt, angenehm, brillant. Zugegeben, auch bei Bellnauer Dozenten gab es bisweilen lichte Momente, Gedankenblitze, die den Zuhörer mitzureißen vermochten. Aber so etwas hatte Jochen noch nie erlebt. Er verstand nicht allzu viel, aber mit heißen Ohren folgte er hochkonzentriert den schönen Worten, hinter denen er Großes vermutete.

«Freitag, Robinsons Eckermann, hebt den Faust auf, um mit seiner Hilfe für Robinson den Hamlet zu inszenieren, jenen Hamlet, den wir mit Robinson so gut zu kennen wähnen wie keinen zweiten Bekannten aus der Literatur. Indes …»

Hinten im Saal wurde es unruhig, was Jochen ärgerte. Kaum hatte da mal jemand wirklich etwas zu sagen, ragte endlich einer aus dem öden Einerlei heraus, benahm sich das träge akademische Publikum keinen Deut besser als die unvermeidlichen Huster im klassischen Konzert. Geräuschvoll erhoben sich nun einige in Jochens Reihe – offenbar hatte hier jemand nicht nur die Frechheit, zu spät zu kommen, sondern auch noch die Dreistigkeit, sich rücksichtslos bis in die Mitte der Sitzreihe vorzuarbeiten.

«Dieser Hamlet aber nimmt Robinson bei der Hand und führt ihn sicher auf Freitags Spur zu sich selbst – zu Robinson. Robinson ist im Anderen zu Hause angekommen. Meine Damen und Herren, ich sehe die Relevanz einer postpostmodernen Kritik …»

An dieser Stelle hörte Jochen von rechts Geflüster, gefolgt von einem kurzen, quirligen Auflachen. Er wandte sich verärgert um – und sah Larissa auf sich zukommen. Gefolgt von Wembel. Reflexartig drehte Jochen den Kopf zurück. Starr blickte er auf das Podium, aber er hörte nichts als diffuses Wortgeklingel, so sehr er sich auch anstrengte. Larissa konnte er sich also abschminken. Definitiv. Unerklärlicherweise hatte Wembel den Ruf eines Womanizers, worüber Jochen bisher nur müde lächeln konnte. Aber irgendwas mußte wohl doch dran sein. Larissa saß inzwischen neben ihm und versuchte wohl, sich zu orientieren. Und da nahm er wieder diesen unaufdringlichen, unvergleichlich sanften Duft wahr, den Duft von frischgewaschenem Larissa-Haar. Aber das war jetzt nichts als lästig.. Überhaupt war das jetzt völlig egal. Was suchte er überhaupt noch hier? Vorn stand inzwischen längst die nächste Kandidatin und gab ihre Ansichten zu «Postkolonialer Migration und Transformation in kulturpsychologischer Sicht» zum besten, und Wembel hörte interessiert zu. Keinen Blick würde Jochen mehr an Larissa verschwenden. Und was auch immer sie mit Wembel hatte, ihm konnte das jetzt gleichgültig sein!

Plötzlich überlief ihn ein Schauer, der seinen ganzen Körper erfaßte, und er erstarrte vollends. Das waren die unendlich zarten, beinahe unsichtbaren Goldhaare, die Larissas weichen Lockenschopf umkräuselten, der sich unvermittelt auf seine Schulter gesenkt hatte. Schelmisch sah sie ihn kurz von der Seite an und gab leise Schnarchgeräusche von sich. Wieder schien sie nur mit Mühe ihr ansteckendes Lachen unterdrücken zu können. Als sie merkte, daß Jochen wie festgefroren geradeaussah, wurde sie sehr ernst und blickte ihn ruhig und fragend an.

«Was ist?», flüsterte sie ihm ins Ohr und sah ihn wieder an.

«Das zentrale Problem der Identitätsfindung in der postkolonialen Konstellation sehe ich als Prozeß, der durch die widersprüchlichen Affekte des Verlangens nach und der Furcht vor dem Anderen in der Bemühung um reziproke Anerkennung gekennzeichnet ist», dozierte Gudrun Drobitzki, Jochen küßte heftig Larissa – und Wembel sah relativ ratlos herüber.

 

 

Auf seinem Bett ausgestreckt las Detlef Kiesel den Brief, den ihm Susanne von Larissa überbracht hatte, zum tausendsten Mal:

 

Lieber (noch) unbekannter Kavalier,

 

offensichtlich gibt es in unserer kalten und schnellebigen Zeit doch noch Menschen, die fühlen, träumen – lieben können. Ich habe jedenfalls schon fast nicht mehr daran glauben mögen. Was für eine schöne altmodische Idee, sich mit Kopf und Herz auf diese originelle Weise zu messen! Und ich darf mich angesprochen fühlen – das schmeichelt mir sehr, ich gebe es zu.

Aber ich muß gestehen, daß von allen Gedichten nur eines sofort mein Herz erobert hat. Es ist das Gedicht mit dem «Lilienhals» und dem «Ros’ der Wangen, die nicht einmal Catull zu beschreiben vermocht» – du kennst es besser als jeder andere auf dieser Welt. Gib mir doch in den nächsten Tagen ein Zeichen, ich warte mit «klopfendem Herzen», um noch einmal dein Gedicht zu zitieren, auf Dich!

 

Je t’embrasse, Larissa

 

P. S. Bitte erzähle Deinen befreundeten Kavalieren nichts von diesem Brief. Versprochen?

 

Detlef konnte nicht ahnen, daß zur gleichen Zeit auch Othmar Asche und Beat Inderbitzin einen bis auf ein paar kleine Abweichungen identischen, von Susanne und Kiki ebenso sorgfältig komponierten Brief in den Händen hielten.

 

 

Michael Plunz schob das Tablett mit dem noch halbvollen Plastikteller auf das Förderband. Der Inhalt des Tellers erinnerte ihn einmal mehr fatal an die «Schülerspeisung» der Polytechnischen Oberschule Flöha, die während seiner realexistierenden Schulzeit im Osten allmittäglich ­in der Kantine des nahegelegenen Nylon-Kombinats stattgefunden hatte. Solche Erinnerungen rief das fade Einheitsessen immer dann in ihm hervor, wenn er in der Mensa allein essen mußte.

Im Gedränge an der Geschirrückgabe stieß Michael auf seinen Kommilitonen Holger Salomon, einen hochgewachsenen, weißblonden Studenten mit etwas hypertrophem Unterkiefer, der ihm auf unerklärliche Weise zu einer Aura souveräner Gelassenheit und uanfechtbarer Kompetenz verhalf. Man beschloß, nachdem man sich zum Essen wieder einmal verpaßt hatte, wenigstens gemeinsam Kaffe zu trinken. Sie schlenderten über den windigen Vorplatz der Universität auf die Minigolf-Anlage zu, deren kleines Klublokal nicht nur den besten Kaffee in Uninähe bot, sondern diesen Umstand bisher auch noch erfolgreich geheimzuhalten vermochte.

Bei der zweiten Tasse verschluckte sich Holger plötzlich und wies mit einer vielsagenden Kopfbewegung auf die Glasfront des Cafés, hinter der sich ein seltsamer Anblick darbot. Michael Plunz sah auf dem Minigolfplatz, über den der kalte Herbstwind in immer neuen Anläufen Laub und dürre Zweige vor sich hertrieb, drei Gestalten, denen es sichtlich schwerfiel, sich bei diesem Wetter über die Bahn hinweg zu verständigen. Es waren die letzten Tage in der Saison, an denen die Anlage noch geöffnet hatte. Die drei Gestalten erkannte Michael nacheinander als den bis zum Überdruß «schönen Doktor» Claassen, Schmierstoff-Grüske-Julius und ­– ihr Idol Henning Wembel. Fürwahr eine recht seltsame Kombination. Die beiden Studenten waren sich schnell einig, daß eine Begegnung mit diesem Trio nicht unbedingt sein mußte, wenn sie sich denn vermeiden ließ. Die beiden jungen Männer bezahlten mit einem gewissen Bedauern ihre Rechnung bei der großbusigen Doris, die das Geld mit einem lasziven Blick entgegennahm. Doris gab der biederen Cafeteria in den Augen der beiden Studenten eine anziehende Verruchtheit und war der eigentliche Grund ihrer häufigen Besuche. Der heutige fiel bedauerlich kurz aus.

Die drei Herren auf dem Platz allerdings blieben. Sie waren noch nicht über die zweite Bahn hinausgekommen. Es war auch völlig hoffnungslos, unter diesen Umständen Minigolf spielen zu wollen. Auf ihre Schläger gestützt, unterhielten sie sich durch den Wind, ihre Stimmen klangen erregt, nicht nur wegen des Sturms, gegen den sie anreden mußten.

«Eine Frechheit!», sagte Claassen.

«Wirklich dreist, was glaubt der, wer er ist!», pflichtete ihm Grüske-Julius bei.

«Gresewitz eben, was erwartet ihr denn», stimmte Wembel mit einem bitteren Auflachen ein.

«Gut, daß Schultze-Seiler für Bellnau eine Nummer zu groß ist ­– einverstanden, aber immer noch besser als einer, von dem man noch nicht mal sicher sein kann, daß es ihn gibt!»

«Klar, Jens, aber der Punkt ist doch, daß wir leider davon ausgehen müssen, daß es bei denen sehr wohl so eine Art Uni gibt, und daß dieser Smetana, oder wie er heißt, sogar ein ziemlicher Crack ist. Ich hab mal einen Blick in seine Sachen geworfen …»

«Und?» unterbrach ihn Grüske-Julius mit der Neugier des Laien, der sich bewußt ist, daß er gleich ein Expertenurteil vernehmen wird

«Extrem konventionell – der glaubt noch an einen Autor, der uns ne Botschaft vermitteln will – aber meine Herrn!», Wembel wiegte bedeutungsschwer den Kopf, so daß der Wind ihm sein Langhaar um die hängenden Wangen blies.

«Also müssen wir uns doch warm anziehen!» zog Grüske-Julius den einzig richtigen Schluß.

Claassen schlug aggressiv einen Ball in die Luft: «Gemach, gemach, noch ist der Alte ja nicht durch damit. Vielleicht kommt Deine Chance ja noch. Kopf hoch, Henning!»

«Dank dir, Lieber. Aber weißt du, was mich am meisten schafft?» Wembel blickte aus müden, schwermütigen Hundeaugen von unten unter seiner verwehten Tolle hervor und gab sich die Antwort gleich selbst: «Was ich nicht abkann, ist dieser immanente Zynismus, und der steht mir bis hier nach diesen ewigen Berufungen! Mensch, weißt Du – ach, vergiß es einfach …»

Die tragische Stimmung hatte inzwischen auch den Ingenieur Grüske-Julius ergriffen.

«Eins verstehe ich nicht: Der Passus von wegen Erhöhung des Frauenanteils – ist das eigentlich nur pro forma? Ich meine, wenn schon mal eine Frau den Mut hat und sich bewirbt, dann hätte die, finde ich, doch auch eine echte Chance verdient!»

«Laß doch die Heuchelei, dir wäre doch sowieso dein Ethno-Vetter am liebsten gewesen», sagte Claassen in schockierender Offenheit, während er an seinem Schläger herumfummelte, und Grüske-Julius schwieg nach einem hilflos-giftigen Blick beleidigt.

Wembel lenkte ab. «Na ja, ich weiß nicht, die Drobitzki mit ihrem gutgemeinten Postkolonialismus, irgendwie ist das doch auch schon wieder passé … Mir hat der Bamberger Lacanianer imponiert. Ehrlich, Jens, ich hab zum erstenmal das Gefühl gehabt, davon was zu verstehen.»

Es begann zu tropfen, und Doris beeilte sich, die Anlage zu schließen. Nach einem traurigen Handschlag machte sich die Runde auf den Weg. Grüske-Julius bestieg seinen Range-Rover, der wie für dieses Wetter gemacht schien. Wembel hatte das Angebot, ihn mitzunehmen, ausgeschlagen: er wolle noch ein wenig den Kopf durchlüften – seinen alten giftgrünen Polo zwang er nur bei extremen Wetterverhältnissen zum Einsatz. Claassen glitt grüßend in einem Jaguar vorbei, den zuvor noch niemand gesehen hatte.

Wembel kämpfte im stärker werdenden Regen gegen den Wind an. Es wurde langsam düster, und er bereute insgeheim, wieder einmal die Einsamkeit vorgezogen zu haben. Aber so es war ja immer, am Schluß stand man allein in der Scheiße, dachte er. Zu allem Überfluß bemerkte er, als er die Hände in die Manteltaschen stecken wollte, daß er die ganze Zeit über den Minigolfschläger mitgeschleppt hatte. Er spürte, wie seine wohltemperierte Bitternis in befreienden Groll umschlug.

Vorsichtig blickte Professor Dr. Henning Wembel sich nach allen Seiten um, riß entschlossen den silbernen Minigolfschläger hoch und drosch mit vier gezielten, monotonen Schlägen auf die Windschutzscheibe des Wagens ein, der neben ihm parkte.

 

Der Wandrer auf der Laarley

(Nach einer wahren Begebenheit)

 

Die Laarley, unbekannt als Fee und Felsen,

ist jener Flecken ob der Laar, von Bellnau nicht zu weit,

wo früher Schiffer mit verdrehten Hälsen,

der dunklen Schönen Leib und Leben einst geweiht.

 

Wir wandeln uns. Die Schiffer inbegriffen.

Gezähmt und reguliert ist längst die Laar.

Die Zeit vergeht. Man stirbt nicht mehr beim Schiffen,

bloß weil ein lockig Weib sich kämmt das Haar.

 

Nichtsdestotrotz geschieht auch heutzutage

noch manches, was der Vorzeit ähnlich sieht.

So alt ist keine deutsche Dichtersage,

daß sie nicht doch noch Helden nach sich zieht.

 

Erst neulich machte auf dem Laarley-Fels

hoch ob der Laar ein Wandrer einen Gang!

Er stand allein am Rande des Rondells

als er verzaubert ward durch süß’ Gesang.

 

Er stand, als ob er auf dem Gotthard stünde.

Mit hohlem Kreuz. Und lustentwöhnten Zügen.

Man frage nicht: Was hatte er für Gründe?

Er war kein Held. Das dürfte wohl genügen.

 

Er stand, entrückt, im Abensonnenscheine.

Da trübte Wehmut seinen Kennerblick.

Er dachte an die Loreley von Heine.

Lang sann er nach. Er dacht’ an sein Geschick.

 

Er ging als Held. Man muß ihn nicht beweinen.

Sein Abgang war vom Schicksal überstrahlt.

Ein Augenblick mit der ersehnten Einen

wär’ kaum zu teuer mit dem Tod bezahlt!

 

Beat Inderbitzin

 

 

Das historische Kellertheater im Hauptgebäude der Bellnauer Universität war schon beinahe gefährlich voll besetzt. In einer guten halben Stunde sollte das Finale losgehen. Othmar Asche war zum erstenmal im Theaterkeller. Die etwas gezierte, ja affektierte Art der Berufsliteraten hatte ihm schon immer Eindruck gemacht. Er hatte beobachtet, daß man in dieser Szene nicht unbedingt auffiel, wenn man klug zu reden versuchte – das war ihm sowieso noch nie gelungen –, sondern im Gegenteil an Respekt gewann, wenn man bei Gesprächen prinzipiell schwieg, oder allenfalls tiefgründig und bedeutungsvoll nickte. Und so stand er neben dem schon deutlich angetrunkenen Gottfried Portmann, dem «Bukowski von Bellnau», an der Bar, nickte tiefgründig, als dieser ihm mit schwerer Zunge schilderte, wie zu seiner Studienzeit in diesem Keller noch der Teufel losgewesen sei, und als Portmann ihm zwei Gläser Wein später die Hand auf die Schulter legte und ihm fast beschwörend mitteilte, daß es für ihn eigentlich nur drei Autoren überhaupt gebe, die etwas zählten: Ernst Jünger, Hans Henny Jahn und Ernst Jünger, da nickte Othmar Asche bedeutungsvoll.

Othmar hatte das Gefühl, die ganze gottverdammte Literaturbande zu durchschauen: Um selbst dazuzugehören, oder gar von ihr gefeiert zu werden, kam es auf zwei Dinge an: Erstens war es wichtig, mit den richtigen Leuten zu verkehren, zweitens mußte man natürlich irgend etwas geschrieben haben. Viel aber, das war Othmar aufgefallen, brauchte das gar nicht zu sein. Die meisten aufstrebenden Schriftsteller, die er kannte, zeigten nur ungern etwas von ihrer Produktion – wenn sie denn überhaupt existierte. Entscheidend war nur, daß man sagen konnte, man sei «an etwas dran». Im Innersten fühlte sich Othmar dennoch nicht ganz wohl inmitten dieser anämischen, bebrillten, meist leidend dreinblickenden Menschen.

Aber hier ging es um einen Kampf. Unter Männern. Und diesen Kampf würde er gewinnen. Eigentlich ging es ihm überhaupt nicht ums Dichten, ja selbst um Larissa nur in zweiter Linie: daß man die mit ein paar Verschen beeindrucken konnte, war ja vorauszusehen – nun ja, schmeichelhaft war es schon, was sie geschrieben hatte. Nein, es ging ums Gewinnen, um den Sieg.

Der Poesiewettbewerb «Vielseitig» war auf derart großen Anklang gestoßen, daß die Veranstalter – allesamt Studenten –, ob der hohen Anzahl von Einsendungen erstaunt, vom heutigen Andrang augenscheinlich etwas überfordert waren. Von den über 250 eingereichten Gedichten waren von einer paritätisch zusammengesetzten Jury zwanzig ausgewählt worden, die nun in einem Finale dem Publikum vorgestellt werden sollten, das anschließend den Sieger erküren durfte. Es war alles da, was in der kleinen Bellnauer Literatur- und Kulturszene Rang und Namen hatte: der altgediente Lyriker und Stadtschreiber Hans Immergrün; die Bücherfrau Jenny Klepzik, die sich auf mirakulöse Art und Weise in die Jury hatte hineinschmuggeln können, gleichzeitig aber den kleinen «UraNuss»-Büchertisch betreute; Gottfried Portmann, der dumpf und mit steinerner Miene an der kleinen Bar seinen Bukowski gab; Henning Wembel, umschwärmt von einem Flor von Anhängerinnen, nebst seinem Starschüler Detlef Kiesel. Einzig Dr. Ing. Peter Grüske-Julius stand etwas verloren am Rande – er war als Vertreter der Bellnauer Juliuswerke, die das ganze Spektakel finanziert hatten, nolens volens mit dabei –, setzte aber eine überaus fachmännische Miene auf. Überraschenderweise wurde auch Wenzel Klüstrow, der Geistesinformatiker, gesichtet, was von den Veranstaltern als schmeichelhaftes Zeichen gedeutet wurde: Klüstrow besuchte aus Prinzip niemals literarische oder andere Abendveranstaltungen. Und nun saß er plötzlich, mit angelaufener Brille und einem Bleistift in der Hand, in der vierten Reihe, eifrig das Programm studierend, in dem die Gedichte der Finalisten abgedruckt waren, und versah es mit zahlreichen Randnotizen.

Detlef Kiesel, der nicht von Wembels Seite wich, hatte, als er in das Kellertheater trat, seine beiden schärfsten Konkurrenten aus den Augenwinkeln erblickt, aber keine Anstalten gemacht, sie zu grüßen. Detlef war siegesgewiss. Er hatte nichts zu verlieren. Wembel hatte als Mitglied der Jury unerlaubterweise durchsickern lassen, daß sein, Detlefs, Gedicht sich deutlich von dem «restlichen seichten Mode-Schrott» abhebe. Aber auch wenn er nicht den ersten Platz erreichen sollte, selbst dann würde er noch einen Triumph zu verzeichnen haben: Aus der persönlichen Fehde zwischen Othmar, Beat und ihm, die den Anstoß zu ihrem ganz privaten Sängerkrieg gegeben hatte, der ihn in seinem Ausgang weit mehr interessierte als der offizielle, aus diesem grimmigen Kampf würde er als Sieger hervorgehen. Den Beweis – Larissas Brief – trug er in der Innentasche seines mausgrauen Anzugs.

Die Arme verschränkt, den Kopf eingezogen und still den Beginn der Veranstaltung abwartend, saß Beat Inderbitzin in einer der hinteren Reihen des Theaters. Er hatte sich eigentlich vorgenommen, nicht zu erscheinen, weil ihm die ganze Sache zutiefst peinlich war. Nach der überraschenden Antwort von Larissa hatte er sich dann aber doch noch entschieden, so versöhnlich und kameradschaftlich wie möglich seinen Konkurrenten vor die Augen zu treten. Beat hatte etliche Nächte ohne Schlaf verbracht, seit er die leidige Wette mit seinen Mitbewohnern eingegangen war. Der Gedanke, seine Angebetete mit selbstverfaßten Gedichten zu erfreuen, war ihm nach der ersten schicksalhaften Begegnung an der Laar zwar auch gekommen; aber ein veritabler Dichterwettstreit mit Prinzessin Larissa als Preis – dagegen wehrte sich eigentlich alles in ihm.

In seiner Not hatte er sogar an seinen Mentor, Professor Kupfert, geschrieben und ihm die ganze Sache – natürlich in jovialem Ton, abgeschwächt und verharmlost – dargelegt. Der gute Professor Kupfert, offenbar von ebenso nostalgischer wie kindlicher Freude erfüllt, hatte ihm postwendend geantwortet und ihm zwei eng beschriebene Seiten lang zunächst von seinen romantischen Erlebnissen während seines Aufenthaltes in Bellnau berichtet – von Kupferts angeblichen «glänzenden Beziehungen» hatte Beat in Bellnau noch nicht profitieren können –, bevor er dann, eher beiläufig und knapp, als hätte er vor lauter Erinnerungen Beats dringliche Frage vergessen, den Ratschlag gegeben hatte, doch vielleicht mit einem kleinen «Loreley»-Pastiche ins Rennen zu steigen. In den darauffolgenden Nächten entstand dann unter unendlichem Gefeile und Erich Kästner in einem Ausmaß verpflichtet, daß es in die Nähe des Plagiats rückte, Beat Inderbitzins kleines «Laarley»-Gedicht, das es sogar in die engere Wahl geschafft hatte.

«Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Gästinnen und Gäste.» Jenny Klepzik hatte, dies zeigte sich nun, den studentischen Veranstaltern selbst noch die einleitende Ansprache «abgenommen» und sich so unaufdringlich, aber bestimmt in den Vordergrund gearbeitet, wie Beat grimmig bemerkte. «Liebe Studentinnen und Studenten, liebe Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Ich darf Sie ganz herzlich begrüßen zum diesjährigen ‹Vielseitig›-Wettbewerb. Zunächst darf ich aber noch um Applaus bitten für die großzügige Unterstützung dieses Abends durch die hiesigen Juliuswerke. Peter, du darfst ruhig mal aufstehen, ja?»

Nachdem ihrer kurzen Ansprache machte Jenny Klepzik eine etwas unbeholfene einladende Geste und bat Hans Immergrün, den langjährigen Autor des «Bellnauer Jahrbuchs» auf die Bühne. Immergrün, ein hochgewachsener hagerer Mitvierziger, klaubte einen zerknautschten Notizzettel aus seiner Jackettasche, setzte eine Lesebrille auf und verkündete dem überraschten Publikum, daß kurzfristig noch ein zusätzlicher Text in die endgültige Auswahl aufgenommen worden sei. Es handle sich dabei strenggenommen nicht um ein Gedicht; der Text sei aber wegen seiner Poetizität, seiner unsentimentalen lyrischen Art, ja und vor allem wegen seines unverwechselbaren Tons, aber auch weil er in einem überraschenden thematischen Gleichklang mit weiteren Gedichten des Abends stehe von der Jury einstimmig in die Auswahl miteinbezogen worden, obschon er, nähme man es ganz genau, nicht ganz rechtzeitig eingereicht worden sei – doch eben dieses zögerliche Moment, die offensichtliche Scheu der Verfasserin ­– oder des Verfassers? – vor der Öffentlichkeit, bürge nachgerade für den hohen Grad an Authentizität des Textes. Die ganze Jury – und er, Immergrün, zähle sich ausdrücklich mit dazu – habe an diesem Text wieder einmal neu gelernt, zu was Literatur eigentlich imstande sei.

Während im Publikum Zustimmung, aber auch vereinzelt Unmut hörbar wurde über diese Entscheidung, wurde Beat Inderbitzin mählich von einer apathischen Gleichgültigkeit überfallen. Er kannte dieses Gefühl und hatte sogar einen Namen dafür, genauergenommen für das Urerlebnis, bei dem es ihn zum ersten Mal überfallen hatte. Er nannte es das Schomringer-Erlebnis, das noch auf seine Berner Assistenzzeit zurückging. Er hatte noch kaum bei Kupfert als Assistent angefangen, als dieser ihm wärmstens ans Herz legte, in Bern einen Vortrag des Schweizer Schriftstellers und Pioniers der Konkreten Kunst, Ernst Schomringers, zu besuchen. Beat hatte feierlich und erwartungsfroh aus seinem kümmerlichen Assistentenlohn den hohen Eintritt von fünfundvierzig Schweizer Franken bezahlt, um den Altmeister selbst seine Texte und Manifeste vortragen zu hören. Was folgte war eine Katastrophe gewesen: In unsäglich sprödem Tonfall schwadronierte der alternde Vertreter der Konkreten Poesie in nicht enden wollenden Ausführungen über seinen Erfolg, seine Quellen, seine Nachahmer – seine Lyrik, die genaugenommen nur aus einem einzigen Poem bestand: dem aus zahlreichen Lesebüchern zur Genüge bekannten Gedicht «Sonne», dem zudem ein verhältnismäßig platter Einfall zugrunde lag: Um den Großbuchstaben O waren die Buchstaben S, N, N und E derart gruppiert, daß sie mit einiger Phantasie als Strahlen zum Sonnen-O gelesen weden konnten. Was Beat während dieses unsäglichen Vortrags empfunden hatte, bezeichnete er seither als «Schomringer-Erlebnis»: eine Mischung ganz verschiedener Gefühle, die ihn unvermittelt und wild durcheinander überkamen: Desillusionierung – er hatte Schomringer für einen ganz Großen gehalten –, akutes Desinteresse, Fluchtgedanken, lähmende Bestürzung, grenzenlose Langeweile, Scham, Beklemmung. Dieser absonderliche Gefühlssturz überkam ihn, so stellte Beat fest, einzig und allein bei Dichterlesungen oder bei literarischen Veranstaltungen.

Sein Konkurrent Othmar war derweil nach der ersten Runde nicht mehr so siegesgewiß wie zu Beginn. Ein Jurymitglied hatte «Komm dunkle Nacht» ausgewählt und zu allem Überfluss in den Himmel gelobt. Überhaupt interessierte ihn im Grunde nicht mehr, was die einzelnen Juroren zu den Gedichten zu sagen hatten: Das einzige, was ihn in nervöser Spannung hielt, war das Warten auf sein Gedicht, sein «Lento». Aber es wurde immer enger. Gottfried Portmann, Henning Wembel und die anderen vier Juroren der ersten Runde hatten ihre Wahl bereits getroffen, in der zweiten Garnitur blieben also noch fünf Juroren übrig, darunter die Klepzik. Othmar steckte sich die zwölfte Zigarette an.

Die Füße auf der vorderen Sitzreihe aufgestützt, lag Detlef Kiesel läßig in seinem Stuhl, wartete mit unendlicher Gleichgültigkeit die weiteren Plädoyers ab und setzte eine betont blasiert-gelangweilte Miene auf. Bei dem unbeholfenen Brecht-Imitat, das als nächstes ausgewählt wurde, schmunzelte er mitleidig; daß der Mediävistikassistent Tom Baader – eine beinahe noch skurrilere Erscheinung als sein Chef Klüstrow – Gefallen an Othmars albernem «Lento» gefunden hatte, nahm er amüsiert zur Kenntnis – in der Schlußrunde hatte er von denen nichts zu befürchten. Er hatte mit Henning Wembel verabredet, daß es besser sei, wenn Wembel nicht sein Gedicht vorstellte – sie wollten böses Gerede vermeiden –, aber offenbar hatte der Henning in der Jury ein gutes Wort für ihn eingelegt: Über den enthusiastischen Lobgesang, den eine ihm unbekannte Assistentin auf sein Gedicht angestimmt hatte, war Detlef dann doch selbst etwas erstaunt gewesen. Der einzige Wermutstropfen war, daß Beats Inderbitzins kümmerliches, in holprigen Iamben schaukelndes «Laarley»-Gedicht – irgendwie kam es Detlef merkwürdig bekannt vor – es ebenfalls in die engere Auswahl geschafft hatte.

Nun war die Reihe an Hans Immergrün. Er las, mit beinahe flehender Stimme, jedes Wort von seinen Notizen ab: «Natürlich habe ich den Text – meinen Text – nicht nach rein ästhetischen Gesichtspunkten ausgewählt. Das soll man nicht. Das darf man nicht. Hier spricht eine Stimme, die noch nichts weiß vom Zynismus unserer Tage, oder doch: Vielleicht hat Sie ihn schon gespürt; aber die Verzweiflung wird weggespült von einem Strom der Frische, der Liebe. Dies ist ja gar kein Gedicht, werden vielleicht einige im Saal denken. Richtig. Aber es ist Lyrik. Es ist Poesie …»

Detlef legte den Kopf schräg und maß die dünne, stets etwas gebückt gehende Gestalt auf der Bühne mit Verachtung. Daß Immergrün die Chuzpe hatte, einen Text außer Konkurrenz nachträglich hineinzuschmuggeln, war ja ohnehin eine Frechheit; daß er nun aber offenbar diesen Text als Jurymitglied selbst zu verteidigen sich anschickte, grenzte an Unverschämtheit. Unverfrorenheit. Detlef suchte noch nach passenden Invektiven, mit denen er nach der Veranstaltung mit Wembel über diesen naiven Lokalpoeten herziehen konnte. Doch was jetzt kam, nahm ihm den Atem. Immergrün las noch immer jedes Wort ab:

«… nun hat diese junge Frau, von der der Text spricht, aber eine Idee. Sie läßt ihre Verehrer antreten. Zu einem Wettstreit. Einem Dichterwettstreit. Ganz wie heute Abend. Und läßt uns teilhaben an ihrer schweren Wahl, an der Entscheidung – an ihrer Antwort. Und wie eine Märchenfee gibt uns die Antwort ein weiteres Rätsel auf. Bitte, Monika, den Text.» Auf sein Zunicken hin las eine junge Studentin mit dünner Stimme, das Manuskript mit beiden Händen festhaltend, den Text, den Hans Immergrün soeben mit viel Pedal eingeführt hatte:

«Lieber (noch) unbekannter Kavalier, offensichtlich gibt es in unserer kalten und schnellebigen Zeit doch noch Menschen, die fühlen, träumen – lieben können. Ich habe jedenfalls schon fast nicht mehr daran glauben mögen. Was für eine schöne altmodische Idee, sich mit Kopf und Herz …»

Detlef zog seine Beine auf den Boden und fuhr herum. Diese Drecksau! Othmar! Wer sonst könnte ihm diesen üblen Streich gespielt haben? Allerdings sah Othmar auch ziemlich verdattert aus der Wäsche.

«Und ich darf mich angesprochen fühlen – das schmeichelt mir sehr, ich gebe es zu. Aber ich muß gestehen, daß mir von allen Gedichten …»

Beat Inderbitzin war mittlerweile auch wieder hellwach und starrte mit aufgerissenen Augen, gebannt und ungläubig auf die etwas unsichere Studentin, die Larissas Brief etwa zweihundert Personen, die ihn alle zumindest vom Sehen kannten, ungeniert vorlas. Beat fand, daß Detlef diesmal eindeutig zu weit gegangen war. Dieser Scherz war mehr als geschmacklos. Der Schluß des Briefes wurde allerdings verfälscht zitiert:

«… Es ist das Gedicht von der ‹Laareley›, mit den ‹verrauschten Flüssen›, jenem ‹Komm’ dunkle Nacht› – du kennst es besser als jeder andere auf dieser Welt. Gib mir doch in den nächsten Tagen ein Zeichen, ich warte mit «klopfendem Herzen», um noch einmal dein Gedicht zu zitieren, auf Dich! Je t’embrasse, L. – P. S. Bitte erzähle Deinen befreundeten Kavalieren nichts von diesem Brief. Versprochen?»

Einen Augenblick lang herrschte absolute Stille. In die Stille gellte ein heiserer Schrei: «Skandal!» Dann begann jemand langsam, zögernd zu klatschen, bis der ganze Saal applaudierte. – Nein, vorne brach Tumult aus. Die Juroren fielen regelrecht über Hans Immergrün her, Ausrufe wie «Skandal!», «das ist eine unredliche Absprache!», «Regelbruch!» konkurrierten mit dem anhaltenden Applaus, der sich verselbständigt zu haben schien.

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