[ nach unten | Home | Kap. 1 | Kap. 2 | Kap. 3 | Kap. 4 | Kap. 5 | Kap. 6  ]


V

 

 

E

s war Dienstag abend. Der letzte Abend. Drei Wochen war es nun her, seit dem kleinen Germanistischen Institut der litauischen Universität Kaunas die frohe Botschaft überbracht worden war, die den ganzen Betrieb in eine aufgeräumte Stimmung versetzt hatte: Jurgis Smetona, Professor für Deutsche Literatur und vergleichende Literaturwissenschaft, Spezialist für deutsche Aufklärung und allgemeine Mythenforschung, «wird somit herzlich eingeladen, ab dem 1. März 1999 die Professur für Interkulturelle Studien am Friedrich-Julius-Institut ...»

Jurgis konnte die Passage und den ganzen Brief längst auswendig, war es doch in den letzten vierzehn Tagen zu einem Ritual geworden, daß seine Frau ihm das Schreiben, neben ihm im Bett liegend, von Anfang bis Ende vorlas. Ein seltsames Ritual zwar – Kazimiera Smetona verstand außer ein paar Brocken kein Deutsch –, aber ihr künstlich-salbungsvoller Tonfall und die Art, wie sie jedes Wort betonte, gab dem Ganzen eine feierliche Note.

Als Kazimiera diesmal unten an der Seite angekommen war, zog Jurgis ihr sanft die Papiere aus der Hand, schmiegte seinen Körper an den ihren und bedeckte sie, zutiefst gerührt, mit zärtlichen Küssen. Er schob vorsichtig ihre Haare von ihrem rechten Ohr und fuhr mit dem Mund ihrem Hals entlang. Kazimiera antwortete mit einem leisen Seufzen und zog ihn an ihren warmen Körper heran. «Küssen sie mich, bitte, Herr Professor.» – «Aber gerne, Genossin Smetona.» Jurgis liebte dieses Spiel. «Hätten sie noch die Güte, sich freizumachen, Frau Gemahlin?» – «Bitte sehr.» – Kazimiera öffnete ihr dünnes Nachthemd. «Machen sie mir noch ein paar Kinder, Herr Professor, bevor sie aufbrechen.» Später, als er Kazimiera eng in seinen Armen hielt, spürte Jurgis, wie sie von einem leichten Beben durchlaufen wurde. «Du schreibst mir jeden Tag, versprochen?» – «Versprochen, Frau Gemahlin», sagte Jurgis und küßte ihre tränenfeuchte Wange.

Eigentlich absurd, dachte Jurgis, während er neben seiner tief atmenden Frau in das nächtliche Schwarz starrte. Wie soll ich denn den Deutschen ihre eigene Literatur näherbringen? Natürlich, es ging um etwas anderes: Interdisziplinarität. Jurgis hatte über dieses Zauberwort lange nachgedacht, konnte sich aber nichts Konkretes darunter vorstellen. Die deutschen Kollegen würden wohl mitleidig lachen, wenn sie wüßten, daß er außer der «Zeitschrift für deutsche Literatur» und den «Goethe-Blättern» zu keiner Fachzeitschrift Zugang hatte, die neueren Methoden und Diskussionen also nur vom Hörensagen und aus zusammenfassenden Artikeln kannte. Und nun sollte ausgerechnet er Institutsvorsteher werden? In der Heimat der Dichter und Denker?

 

 

Die «Drachenburg»-Spiele im Bellnauer Wald fanden mittlerweile immer häufiger statt. Allerdings hatte sich eine unheilvolle Dynamik entwickelt, die sich nur mehr schwer kontrollieren ließ. Diese Entwicklung hatte ihren Anfang damit genommen, daß Wenzel Klüstrow, der mit erstaunlichem Pflichtbewußtsein, aber nicht ohne schrulligen Humor seinen Dienst als Druide versehen hatte, eines Tages plötzlich bekannt hatte, «ganz und gar kein gutes Gefühl mehr» zu haben; er war kurz darauf zu den «Trollen» übergelaufen. Die verbliebenen «Drachenritter» wiesen sich gegenseitig die Schuld daran zu. Immer offener traten zunächst verdeckte Aggressionen zutage. Die hauptsächlichen Zusammenstöße ergaben sich aus dem unübersehbaren Konkurrenzverhältnis zwischen dem Platzhirsch Jens Claassen und dem bedauernswerten Henning Wembel – es ging natürlich um den Minnedienst bei den wenigen verbliebenen weiblichen Mitspielern. Obwohl er sich ganz an die komplizierten Spielregeln hielt, sah sich auch Peter Grüske-Julius immer häufiger den gehässigen Ausbrüchen des kunstblonden Barden Wembel ausgesetzt. Dessen Nerven schienen nach der Berufungsentscheidung blank zu liegen. Das von ihm angepeilte Beiratsamt war mittlerweile dem Sparzwang zum Opfer gefallen, so daß seine maßlosen Ambitionen nun gleichsam ins Leere liefen.

Sehr bedenklich wirkte sich die verworrene Situation auf den Universitätsbetrieb aus. Allein das Problem, wie man mit dem feigen Verräter Wenzel Klüstrow umspringen sollte, der sich so schändlich getrollt hatte, vergiftete regelmäßig die Fakultätssitzungen, und zwar in einem Ausmaß, daß selbst Uneingeweihten auffiel, daß hier etwas gespielt wurde. Gefährlich (zumal für die Literaturwissenschaftler!) wurde der Umstand, daß es den «Drachenrittern» bereits schwerfiel, ihre Rollen im Leben und im Spiel, die Fiktion von der Wirklichkeit zu unterscheiden. Mehr als einmal hatte einer den anderen während einer Institutsveranstaltung als «Troll» denunziert – ebenfalls sehr zum Befremden der Unbeteiligten. Umgekehrt wurden berufliche Zwistigkeiten selbstverständlich in freier Wildbahn ausgefochten.

Schon seit einiger Zeit war den Teilnehmern aufgefallen, daß Professor Wembel nebst seinem Troubadouren-Attribut, der Lyra, neuerdings stets einen schweren Silberstab mit sich führte, den er – ob dieses offensichtlichen Regelverstoßes rüde zur Rede gestellt – einsilbig ausweichend als «germanischen Thorhammer» bezeichnete. An einem Spieltag, der als «Schwarzer Mittwoch» in die «Drachenburg»-Annalen eingehen sollte, beantragte Henning Wembel beim Spielführer Grüske-Julius förmlich seine Beförderung zum Rottenführer – wohlwissend, daß dieser Antrag in dreifacher Hinsicht aussichtslos war: Erstens sah das Reglement einen Troubadour vor und er war der einzige, der dafür in Frage kam; zweitens stand es ihm aufgrund seiner bereits negativen «Energiebilanz» mitnichten zu, irgendwelche Anträge zu stellen; und schließlich, drittens, wäre selbst unter günstigsten Umständen eine «Rollenumwandlung» lediglich zum einfachen Krieger denkbar, wobei nicht vergessen werden darf, daß die absolute Konstanz und Identifikation mit der Rolle zu den Fundamenten des Fantasy-Spiels gehörten.

Burgherr Grüske-Julius rief dem einfachen Minnesänger Wembel diese grundlegenden Wahrheiten höflich-geduldig, aber bestimmt ins Gedächtnis. Was dann geschah, sollte die ganze Angelegenheit nochmals entscheidend verschärfen und die Zukunft Bellnaus auf unabsehbare Zeit maßgeblich bestimmen: In Fassungslosigkeit erstarrt mußten die schöngeistigen «Drachenritter» mit ansehen, wie innerhalb von Sekunden der Feinsinnigste unter ihnen, der mit einem liebevoll bestickten Minnesänger-Wams angetane Henning Wembel, seinen Thorhammer – ganz unbestreitbar einen … Minigolfschläger – erhob und blindwütig auf den Blechhelm seines Vorgesetzten eindrosch.

 

 

Jurgis Smetona hatte den Oberkörper weit gegen das Lenkrad gelehnt, um die schlecht beleuchtete Straße besser erkennen zu können. Der Regen prasselte unaufhörlich gegen die Windschutzscheibe und wurde durch die ächzenden Scheibenwischer nur notdürftig beiseite geschoben. Das Gesicht ganz nahe an das verschmierte und von seinem Atem beschlagene Glas gepreßt, versuchte Jurgis, alle Konzentration darauf zu verwenden, den alten Volkswagen dem weißen Markierungsstreifen am rechten Straßenrand entlang zu manövrieren. Er fühlte sich zwar leer und müde, aber eine kribblige Nervosität trieb ihn dazu, mit weit aufgerissenen Augen weiter in die Nacht hinein zu fahren. Seit dem letzten Halt an einer kleinen Raststätte kurz nach der deutsch-polnischen Grenze war Jurgis keinem anderen Auto mehr begegnet. Das rhythmisch-kratzende Quietschen der Scheibenwischer, dazu die sirrenden Obertöne des überdrehten Motors und ein leise pfeifender Luftstrom, der durch einen Spalt eindrang, begleitet vom Trommeln der Regentropfen wiegte Jurgis in eine Art Trance. Das Gaspedal fühlte sich unter seinem Fuß plötzlich weich an, wie ein Stück angeschmolzenen Käse konnte er es – krümmte er seinen Fußballen ein wenig – in alle Richtungen biegen.

Als kleiner Junge hatte er es geliebt, auf seinem roten Kinderfahrrad die Beine hinunterbaumeln und die Schuhspitzen der Straße entlangschleifen zu lassen. Wie lange dauerte es wohl, bis die Sohlen durchgewetzt sind? Und bei einem fahrenden Auto? Hätte man dann noch Zeit, die Füße zurückzuziehen? Am Rande des Platzes, auf dem er seine Runden auf dem Fahrrad drehte, saß die dicke Hedwig. Er sah ihr breites Lachen. Sie winkte ihm zu, klatschte in die Hände. «Vorsicht Jurgis, nicht zu schnell!» – Jurgis schreckte zusammen und saß plötzlich wieder kerzengerade. Sein Puls raste. Vorsichtig trat er auf die Bremse und lenkte den Wagen an den rechten Straßenrand. «Ich muß die Scheinwerfer brennen lassen», sagte er noch laut zu sich und fiel, den Kopf auf dem Lenkrad, in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

 

Bellnau (an der Laar), Stadt in Südostdeutschland, 180-270 m ü.M., 120 000 Ew.; historisch-kulturelles sowie Wirtschafts- und Wissenschaftszentrum im Laargebiet; Universität, Schmier- und Fettstoffindustrie, Brot- und Süßwarenherstellung, Ausflugsverkehr (Brotmuseum). B. entwickelte sich im 14. Jh. zur Hauptstadt der Markgrafschaft Niederlaar, mit der sie 1815 an Preußen fiel. Architekturhistorisch interessant die Paul-Franck-Kirche (mit dem Grabmal von --> Paul Franck), eine spätgotische Backsteinhallenkirche, das Schloß (1682) im Spätrenaissancestil, das barocke Ständehaus (1717) und das Wohnhaus Paul Francks. – Neben einer um 1150 erstmals genannten Burg entstand gegen 1200 die Stadt.

 

Mit einem resignierten Seufzer klappte Jurgis das Lexikon zu. Natürlich: «historisch-kulturelles sowie Wirtschafts- und Wissenschaftszentrum». Stand das nicht im Eintrag zu jedem Kaff, das über hundert Nasen zählte? In solchen Momenten verfluchte Jurgis die schmale Ausstattung seines Instituts, das neuerdings auch die Hälfte aller Abonnements von Fachzeitschriften streichen mußte, um die Sanierung des Daches finanzieren können. Verärgert schob er den den abgegriffenen Halblederband 2 von Meyers Konversationslexikon (Jahrgang 1936) wieder an seinen Platz.

«Na, hast Du nachgesehen, ob Du schon einen Eintrag im Lexikon hast?» Jurgis drehte sich nach der fröhlich glucksenden Stimme um.

«Ach, Julia. Was machst Du noch so spät hier?»

«Arbeiten, was sonst? Zu Hause hab ich ja doch keine Ruhe.»

«Immer noch Streit? Das dauert doch bei euch sonst nicht so lange bis zur Versöhnung.»

«Ja, ja. Aber was ein echter Krieger ist, der gibt nie nach. – Weißt du eigentlich, wie ich dich hasse!» Julia kniff Jurgis scherzhaft in den Arm. «Seit der Gründung des Instituts hat noch nie einer einen Lehrauftrag im Ausland erhalten! – Da Du ja doch nie mehr in dieses Loch zurückkommen wirst, darf ich Dich schon jetzt zum Abschied küssen, auch wenn es gegen unsere Abmachung ist.» Julia Algirdas, Privatdozentin für vergleichende Sprachwissenschaft, drückte Jurgis einen schmatzenden Kuß auf die Wange, gefährlich nah am Mund, und war – wohl selbst etwas über ihren plötzlichen Mut erschrocken – schon wieder verschwunden. Jurgis verließ die Institutsbibliothek etwas benommen und ging zurück in sein Büro.

Während der letzten Semester hatte sich zwischen Jurgis und der Linguistin eine seltsame Freundschaft entwickelt. Begonnen hatte eigentlich alles nach diesem Vortrag, den Julia im Dezember vor zwei Jahren vor der Fakultät gehalten hatte. Jurgis hatte sie noch gewarnt: Im Publikum säßen allesamt Laien, sie solle so allgemein verständlich wie möglich reden. Dann sah er Julia auf dem Podium, stockend und sich verhaspelnd – offensichtlich hatte sie sich nicht genügend vorbereitet –, das Manuskript in den zitternden Händen. Er hörte die zynisch gezischten Kommentare und sah das höhnische Grinsen der Kollegen. Kaum hatte Julia ihren Vortrag geendet, schritt sie mit gesenktem Kopf und hochgezogen Schultern an ihren Platz neben ihm in der ersten Reihe.

«Bring mich schnell weg von hier», hatte sie ihm zugeraunt, «ich muss mich heute abend noch umbringen.»

«OK», flüsterte er zurück, «ich kenne da eine hübsche Brücke, die nehme ich für gewöhnlich.»

Beide prusteten los. Seither traf sich Jurgis regelmäßig mit Julia, was seine Frau zu anfangs scherzhaften, dann aber ernsthaft besorgten Fragen provozierte. Jurgis mußte zugeben, daß er während der letzten Wochen wahrscheinlich mehr Zeit mit Julia als mit Kazimiera verbracht hatte. Er hatte ihr, Julia, sämtliche privaten und beruflichen Sorgen anvertraut – umgekehrt wußte er alles über ihre Not als Russin, die plötzlich im Ausland lebte, ihren ausfälligen Ehemann, ihre chronischen Finanzprobleme und über einen Backenzahn namens Florian in ihrem rechten Oberkiefer, der nie ganz verheilte.

 

 

Oberschwester Esther hatte noch selten so viele Besucher auf einmal in einem Krankenzimmer erlebt. Die Luft in Zimmer 104 des Bellnauer Städtischen Krankenhauses war verbraucht. Das Bett war in die Mitte des Zimmers gerollt worden, damit alle Besucher darum herum Platz fanden. Im Bett lag mit einer Miene, die unendliches Leid und zugleich übermenschliche Tapferkeit im Ertragen desselben vermuten ließ, Peter Grüske-Julius, der Geschäftsführer des größten Arbeitgebers vor Ort. Eine Halskrause fixierte seinen teilrasierten Kopf, auf dem blutgetränkte Gazebinden klebten. Er war mit einer schweren Gehirnerschütterung, einer harmlosen Halswirbelstauchung und ein paar Platzwunden davongekommen.

Die vierzehn «Drachenritter» waren vollzählig und in Zivil erschienen – Wembel war etwas verspätet zur Tür hineinglitten, was ihn in einer Weise exponierte, die er gern vermieden hätte. Er sah sich gezwungen, das peinliche Schweigen als erster zu brechen.

«Du, Peter, Lieber, das tut mir echt wahnsinnig leid, was da passiert ist. Ich kann’s immer noch nicht fassen! Da muß mich irgendwas geritten haben. Ihr könnt Euch ja gar nicht vorstellen, wie peinlich mir das alles ist. – Tja, was machen wir jetzt bloß mit mir? Also ich weiß auch nicht ... Ich würde natürlich jede Entscheidung von euch voll und ganz akzeptieren, das ist ganz klar.»

Grüske-Julius hatte sich wohl überlegt, was zu tun war. Er verlor nicht viele Worte und streifte Wembel lediglich mit einem eiskalten Blick. Was passiert sei, sei allerdings schlimm genug, Dr. Claassen könne das sicherlich bestätigen, aber es sei nun einmal nicht zu ändern. Wembel solle sich seine Opfer künftig vielleicht etwas besser aussuchen und doch bitte wenigsten den Hörsaal nicht für seine Golf-Variante mißbrauchen. Es sei wohl allen klar, was es für Folgen hätte, wenn das Geschehene bekannt würde. Die Kommentare könne sich jeder leicht ausmalen: Hochschullehrer im Druidenkostüm balgen sich im Unterholz. Lynchjustiz im Bellnauer Wald. Professoren schlagen ihren Mäzen mit Golfschlägern zusammen. Das Gebot der Stunde könne daher nur lauten: Stillschweigen. Eisernes Schweigen, und zwar von allen, gegenüber jedem, besonders bis zur Einführung des neuen IKS-Direktors aus Litauen. Sonst sei das Institut akut gefährdet. Er selbst sähe sich in einem solchen Falle gezwungen, sein finanzielles Engagement in der Sache mit sofortiger Wirkung abzublasen. Darüber hinaus könnte eine rufschädigende Enthüllung des wahren Sachverhalts unangenehme Folgen für die Beteiligten haben – für einige mehr, für andere weniger.

«Was ihr hier seht», Grüske-Julius wies unbestimmt in Richtung seines lädierten Kopfes, «ist bei einem kleinen Selbstunfall mit dem Auto passiert. Klar?»

Ein kollektives Schweigegelübde besiegelte einen damit neu ins Leben gerufenen «Drachenbund». Als Schwester Esther nach dem Kranken auf Zimmer 104 sah, bekam sie gerade noch mit, wie die zahlreichen Besucher blitzschnell ihre aufeinander gelegten Hände zurückzogen und betont um Unauffälligkeit bemüht waren.

 

 

«Diese, isoliert betrachtet zweifellos sehr apodiktische These gilt es im folgenden in einer alle sie bestimmenden Faktoren berücksichtigenden Analyse auf ihre unausgesprochenen Implikationen und Voraussetzungen hin zu hinterfragen.»

Was für ein widerwärtiger Satz! Jochen konnte ihn nicht mehr sehen. Er hatte ihn selbst geschrieben. Schon vor anderthalb Stunden. Und «im folgenden» war noch gar nichts passiert. Es war halb sechs, und schon seit dem Mittagessen saß er hier an seinem Schreibtisch – nun gut, er hatte zwischendurch Kaffee getrunken, Zeitung gelesen, seine Schuhe geputzt und was der willkommenen Ablenkungen mehr waren –, er saß und versuchte, einen Sinn in seine Hausarbeit zu bekommen.

Hätte er sich doch etwas zurückgehalten! Prof. Gisela Lemmings hatte ihm – nein, das war ja das ganze Elend: er selbst hatte sich dieses Thema aufgebrummt. Als Kiki Wentzlaff im Seminar «Historische Theorien» ihr Referat mit der These abgeschlossen hatte (sie stammte natürlich nicht von ihr selbst), daß das Verständnis jeder Hervorbringung des menschlichen Geistes eine intime Kenntnis der zugrunde liegenden sozialen und historischen Verhältnisse voraussetze. Irgend etwas in Jochen hatte sich spontan gegen diese vereinfachende, doch allzu pauschale Behauptung aufgelehnt, auch wenn er dann peinlicherweise nicht schlüssig hatte begründen können, was genau ihm daran nicht behagte. Frau Lemmings hatte mit einem freundlichen, verständnisvollen, aber wohl auch etwas spöttischen Lächeln bemerkt, er könne dies ja in einer Seminararbeit zu begründen versuchen, das sei doch ein hervorragendes Thema.

«Diese apodiktische These soll im folgenden in einer Analyse auf ihre unausgesprochenen Implikationen und Voraussetzungen hin hinterfragt werden.»

Der Satz hatte ihn so wütend auf sich selbst gemacht, daß er sich gezwungen hatte, ihn unverzüglich auf ein verständliches Maß zusammenzustreichen. War es ihm gelungen? Mißtrauisch las er, was dabei herausgekommen war. Der Satz glotzte ihn noch immer aufdringlich und fremd an. «Unausgesprochene Implikationen» – was für ein Quatsch, reiner Pleonasmus. Also «Implikationen und unausgesprochenen Voraussetzungen …»? Immer noch ziemlich gestelzt. Er lehnte sich zurück und nagte an seiner Brezel. Worin lag eigentlich das Problem – war es die These oder sein Satz?

Jochen versuchte, sich auf sein Vorhaben zu besinnen. Die zur Frage stehende Theorie wollte er am Beispiel der «Wende» diskutieren: Was war zuerst, ein geistiger Wandel, der den politischen erst möglich machte – oder eine Veränderung im sozialen Grundgefüge, die mit der Zeit zu einer «Wende in den Köpfen» geführt hatte? Ließ sich beides überhaupt von einander trennen? Bedingten sie sich gegenseitig, und wenn ja, dann wie? Oder mußte ein Drittes oder ein völlig anderer Gesichtspunkt hinzukommen? Beziehungsweise: War nicht überhaupt Larissa am wichtigsten und alles andere eitles Geschwätz und reine Zeitverschwendung? Was hatte er, wirklich er selbst, eigentlich damit zu tun? Und wann war nochmal die Musical-Probe zu Ende? Aber das alles – die Wende, die historischen Theorien und so weiter – konnte man hinkriegen, wenn nur dieser verdammte eine Satz nicht im Wege stünde!

«Diese These soll im folgenden hinterfragt werden.»

«Im folgenden» also. Aber: wo eigentlich sonst? Natürlich im folgenden, im Vorangehenden jedenfalls nicht. Also ohne «im folgenden»! Und was war denn «hinterfragen» für ein unschönes Wort? Schließlich sollte die Arbeit ja auch sprachlich gut sein. Und man sollte sehen, daß er es war, der hier dachte – also weg mit dem unpersönlichen «soll».

«Diese These möchte ich nun untersuchen.»

Zufrieden lehnte er sich zurück und betrachtete sein Werk mit Wohlgefallen. Er hatte sich seine Tasse Kaffee redlich verdient. Er genoß sie im Angesicht des Geleisteten. Den Satz wollte er sich noch einmal auf der Zunge zergehen lassen. Dabei mußte er sich leider eingestehen, daß dies doch wohl noch nicht alles sein konnte. Wie weit hatte er es in diesen paar Semestern kommen lassen, was hatte er aus sich machen lassen, daß er seine hohen Maßstäbe so leichtfertig vergaß, um sich selbstzufrieden im Scheinerfolg dieses lächerlichen mickrigen Satzes zu sonnen? Und dabei hatte er auch noch grundlos einen beträchtliche Textmenge geopfert: das Schreibprogramm BELLTEV zeigte eine ganze Seite weniger an. Und weshalb sich die Mühe machen, besser zu schreiben, wenn seine Richter das gar nicht bemerken würden, weil sie selbst nur Blender von der Sorte waren, die solche Schwurbelsätze produzierte? Also zurück zum Anfang:

«Diese, isoliert betrachtet zweifellos sehr apodiktische These gilt es im folgenden in einer alle sie bestimmenden Faktoren berücksichtigenden Analyse …»

Nein, nein, nein! Er war hundemüde, und so konnte das nicht weitergehen, so durfte dieser Elendstag nicht enden. Verdammt – es war schon halb zwölf. Er hatte Larissa ganz vergessen. Die schmollte jetzt sicher. Er mußte mit ihr reden …

Mit Larissa reden – das war es! Gesetzt den Fall, sie würde sich für sein Thema interessieren, wie würde er ihr erklären, was er meinte? Würde er wirklich sagen: «Diese, isoliert betrachtet zweifellos sehr apodiktische These gilt es im folgenden in einer alle sie bestimmenden Faktoren berücksichtigenden Analyse auf ihre unausgesprochenen Implikationen und Voraussetzungen hin zu hinterfragen»? Nie im Leben! Er würde natürlich einfach sagen:

«Diese These ist falsch.»

Wir müssen uns den sehr sanft einschlummernden Jochen Bauer an diesem Abend als einen glücklichen Menschen vorstellen.

 

 

Ein Pochen an der linken Scheibe schreckte Professor Smetona aus dem Halbschlaf auf. Mit verklebten Augen blinzelte er durch das beschlagene Glas. Er sah einen riesigen Mund und große Zähne; dahinter ein schmutzig leuchtendes Schild mit der ihm unverständlichen Aufschrift «Leifs Tanke».

«Nein, wie ein Vergewaltiger sieht der nicht aus!» sagte der Mund. «Schönen guten Morgen! Könnten Sie uns nicht mitnehmen? Bitte!»

Bevor Jurgis sich eine Antwort zurechtlegen konnte, hatte die junge Frau die hintere Tür seines Wagens aufgerissen. «Na los, Leute! Es hat Platz für alle. – Ich schieb das Zeug ein bißchen zur Seite? Ist doch auch für Sie schöner als alleine zu fahren! Übrigens, toller Abdruck auf der Stirne!»

Ein Blick in den Rückspiegel zeigte Jurgis, daß das Lenkrad tatsächlich einen tiefroten Striemen auf seiner Stirn hinterlassen hatte. Währenddesen füllte sich die Rückbank mit zwei riesigen Rucksäcken, einem Zelt, Papiertüten, einer Kabelrolle und Kartonschachteln mit Lebensmitteln. Schließlich setzten sich zwei junge Männer, einer trug eine rote Strickmütze und aß Zuckerwatte, links und rechts neben ihr Gepäck, während die junge Frau auf dem Beifahrersitz Platz nahm.

«Na, worauf warten wir?» lachte sie, während sie die Türe geräuschvoll zuzog, «wir sind bereit. Sie haben doch nichts dagegen? – Übrigens, ich bin die Susanne. Der Blonde mit der Mütze» – Sie deutet auf die Rückbank – «ist Holger, der andere ist Detlef, mein Freund übrigens.» Die beiden nickten lahm. Detlef schien verdutzt. Daß er nun plötzlich Susannes Freund sein sollte, war ihm in dieser Form neu. Er hatte sich nach dem «Vielseitig»-Wettbewerb mit ihr im Bett wiedergefunden, aber das war noch lange kein Grund für so weitreichende Schlußfolgerungen.

Jurgis konnte langsam wieder klare Gedanken fassen. Eigentlich war der Auftritt dieses Trios ja eine Unverschämtheit, aber er wußte ja nicht, was sich in diesem Land gehörte. Irgendwie beschlich ihn ein bedrohliches Gefühl, das er aber unwillkürlich überspielte. «Ich bin froh, euch zu sehen!», rief er überdreht, «laßt uns also wegfahren!» Er drehte den Zündschlüssel, und der völlig überladene VW Derby setzte sich in Bewegung.

«Sie müssen schon lange unterwegs sein. Kommen Sie aus Polen?»

«Ja. Also nein. Ich komme aus Litauen und bin über Polen gefahren.»

«Was? Aus Litauen? Also Baltikum? Das ist ja Wahnsinn! Da war ich ja noch nie – ihr?» Von hinten kam ein verneinendes Brummen. Detlef begann an seinem Handy herumzunesteln und umständlich eine Nummer zu wählen. Holger starrte dumpf und teilnahmslos vor sich hin.

«Was führt Sie denn ausgerechnet nach Bellnau? Es gibt doch wirklich schönere Urlaubsländer als Deutschland – oder sind Sie nur auf der Durchreise?»

«Nein, ganz im Gegenteil. Ich bin schon beinahe am Ziel, in Bellnau an der Laar.»

«In Bellnau?» Susanne schien fassungslos. «Haben Sie denn mit den Juliuswerken zu tun?»

«Nur indirekt. Die werden mehr mit mir zu tun haben.»

«Das kapier’ ich nicht, das müssen Sie mir erklären.»

«Nun, ich werde an der Universität arbeiten.»

«Das ist ja witzig, da studieren wir nämlich! Sie sind aber doch kein Professor, oder?»

Jurgis lachte. «Doch, das bin ich.»

«Echt? Das hätte ich Ihnen nicht angesehen. Haben Sie hier eine Gastprofessur?»

Dieses letzte Wort verstand Jurgis nicht sogleich, da Detlef inzwischen ziemlich aufgeregt mit seinem Gesprächspartner diskutierte.

«Eine Art Gast bin ich schon, aber ich hoffe, daß ich länger als ein Semester bleibe. Ich bin an das Friedrich-Julius-Institut für Kulturelle Studien gerufen worden.»

«Ach, natürlich! Sie sind das also.»

Detlef hatte sein Telefongespräch inzwischen hektisch beendet und lehnte sich plötzlich vor.

 «Entschuldigung, aber wenn Sie das IKS suchen, sind Sie hier völlig falsch, das liegt ein ganzes Stück außerhalb von Bellnau. Sie hätten längst auf die Autobahn abbiegen müssen.»

Susanne schloß ihren Mund wieder. Sie fand es gemein, den Professor aus Litauen noch vor seiner Ankunft so auf den Arm zu nehmen – diese Art Humor war ihr an Detlef ganz neu. Noch bevor sie etwas sagen konnte, kniff der sie so schmerzhaft in den rechten Oberarm, daß sie beinahe laut aufgeschrien hätte. Irgendwie schaffte sie es aber, weder etwas zu sagen, noch zu schreien. Detlef wußte wohl, was er tat. Er war immer für eine Überraschung gut, allerdings schien er nicht zum Scherzen aufgelegt zu sein.

Jurgis Smetona meinte sich zu erinnern, daß ihm eine Frau Zischer, eine künftige Kollegin wohl, am Telefon erklärt hatte, daß das IKS wunderschön im Stadtzentrum gelegen sei. Aber vermutlich hatte er sie falsch verstanden – das würde seine Hauptaufgabe für die nächsten Wochen und Monate sein: seine deutsche Umgangssprache zu perfektonieren.

«Was soll denn das? Mach keinen Blödsinn, Mann.» Auch Holger war nun aufgefallen, daß man gewendet hatte. Er war müde und wollte nach Hause, das kühle Zeltwochenende mit Detlef und der nervenaufreibenden Susanne war ihm vollauf genug gewesen. Schmerzhaft fühlte er, wie Detlef ihm seinen Ellenbogen in die Seite bohrte und fing einen ungemütlichen Blick von ihm auf. Er zog sich die Mütze weiter ins Gesicht und kauerte sich in die Ecke. Ihm war alles egal, das Wochenende konnte er sich ans Bein streichen.

«Dann sind sie wohl Germanist», nahm Susanne, der die Stimmung zu gedrückt war, das Gespräch wieder auf.

«Richtig», erwiderte Jurgis. Das warme Herbstlicht, das über den sanften Hügeln lag und sich indem Fluß spiegelte, den den man in der Ferne sah – das mußte wohl die Laar sein –, ließ ihm Deutschland sehr angenehm erscheinen. Die Autobahn hatten sie mittlerweile schon wieder verlassen.

«Ich auch», meinte Susanne.

Die merkwürdige Fahrgemeinschaft hing schweigend ihren Gedanken nach, bis Detlef von hinten befahl: «Hier scharf rechts rein – diesen Feldweg da vorn.»

Die Fahrt führte über eine holprige Böschung in den Wald. Jurgis begann sich zu wundern.

«Halt! Aussteigen!», brüllte Detlef, genau so, wie Jurgis es von den Deutschen in sowjetischen Filmen kannte. Erschrocken bremste er hart.

Der Derby kam vor einer massiven Blockhütte zum Stehen.

 

[ nach oben | Home | Kap. 1 | Kap. 2 | Kap. 3 | Kap. 4 | Kap. 5 | Kap. 6  ]

© Copyright 2000 by Florian Gelzer & Ilja Karenovics
Alle Rechte vorbehalten · Webdesign: Colubra